Welt : "Verlängerte Reise": In einer Stadt ohne Namen

Inge Zenker-Baltes

Das Leben kann verdammt grausam sein. In aller Härte bekommt das der junge Peer Brenner zu spüren, als ihm plötzlich die langjährige Geliebte Ina abhanden kommt. Zurück bleibt nur seine waidwunde Seele und eine Ansichtskarte mit der lapidaren Mitteilung der Freundin, sie müsse "für einige Zeit untertauchen". Der verlassene Ich-Erzähler reist der Treulosen hinterher, in irgendeine wohl südeuropäische Großstadt.

Dort verbringt, ohne dass Peer es weiß, Esta mit Niko, Peers Schulfreund, einen wenig aufregenden Urlaub. Durch ein Spiel versuchen die beiden, einander scharf zu machen: Niko baggert andere Frauen an, sie gibt die Voyeurin. Unabhängig voneinander treffen alle auf den freundlichen, etwas undurchsichtigen Ex-Mediziner Carl. Aus den wechselnden Perspektiven des Ich-Erzählers und des Pärchens wird von Irrungen und Wirrungen, von Frust und Pseudoabenteuern der jungen Deutschen in der Fünfmillionen-City erzählt. Deren Name scheint irrelevant, da doch "unsere Metropolen ... in den letzten Jahren immer ähnlicher".

Jan Bürger, Jahrgang 1968, schrieb bisher Kurzprosa und Essays, seit kurzem gehört er zum Redaktionsteam von "Literaturen". Bürgers Erstling kommt mit einer sparsamen Handlung daher, ist nicht immer stilsicher, ja, mitunter merkwürdig unbeholfen geschrieben. Zu Heiterkeit führt die manchmal unfreiwillige Komik: "Meine Vereinzelung ist nach wie vor radikal", steht da, "meine Sehnsucht zielt nur noch auf Ärsche und Titten, auf geschminkte Lippen und nackte Haut".

Auch kulturkritische Betrachtungen gelingen nicht so recht. So sind Kathedralen "heute nichts anderes mehr als Monumente einer überflüssig gewordenen Lebenshilfe", Industrieanlagen haben "etwas Sakrales", und "Wohlhabende" üben sich "mit Hilfe von Bräunungscremes ... in der Kunst der Ununterscheidbarkeit". Ohne Ironie präsentiert uns der Autor Sätze wie etwa, dass wir "sowieso zu wenig in der Gegenwart" leben. Die Erkenntnis "Sex oder Macht, etwas anderes gibt es eigentlich nicht" gleitet ab in die sexistische Folgerung: "wenn man den richtigen Schwanz in sich duldet, wird man auch was".

Unentschlossen dümpelt das Geschehen mit seinen beiden Handlungssträngen dahin. Peers Kindheitserinnerungen wechseln einander ab mit seinen oft in Frageform wiedergegebenen inneren Monologen.

"Ganz unbemerkt wird man im Laufe der Jahre spießbürgerlich", klagt der Erzähler, und erklärt dann, ganz Macho: "im Pauschalurlaub hat fast jede alleinstehende Frau nichts anderes im Sinn als Sex mit einem Fremden". Keine der Figuren vermag zu faszinieren, ja, bei den Helden reicht es nicht einmal zum Unglücklichsein, allenfalls zu einem Anflug kindlichen Staunens: "Dennoch ist alles irgendwie überwältigend".

Angesichts gestelzter Dialoge geraten Sätze wie: "Wir müssen aufpassen, dass unsere Reden nicht zu künstlich wirken" zum Eigentor. Gefährlich wirkt die Arroganz des Ich-Erzählers, wenn er sich in langen Statements über die "Auslassungen Halbgebildeter", über "diese Fastschlauen ... die wohl jede Metropole der Welt mit ihren Dummheiten verseuchen" erregt.

"Jetzt ist die Sonne ganz untergegangen. Ein letzter Rest von ihr verkitscht noch die Wolken", schwelgt er. Verkitscht ist der Plot, der konsequent in einen Countdown mündet. Auf den letzten Seiten mutiert der bis dahin dozierende Carl unvermittelt "im Dienste der Nachwelt" zum diabolischen Menschenquäler, der sich nicht einmal davor fürchtet, "mit der Todesstrafe sanktioniert zu werden", während Peer als "Labortier" klagt: "Leiden sei jetzt meine Profession... das Eingeschlossensein muß auf kurz oder lang zur Verblödung führen". Erste Anzeichen dafür gibt es zuhauf in diesem Buch, etwa dieses: "wer das Hirn für die größte erogene Zone hält, ist saturiert".

Intellektuell folgen können wir, wenn der Erzähler-Autor verkündet: "Meine Hoffnung auf ein Dasein danach lässt sich nicht leugnen". Hoffen wir auf einen besseren Bürger-Roman.

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