Welt : "Verlorene Spiele": Körperpanzer, entweiblicht

Doris Liebermann

"Es sind keine Mädchen auf dem Bild": Ines Geipel stellt ihrem Buch ein Zitat aus Monique Wittigs Initiationsroman "Opoponax" voran. Wittigs Heldin, Schülerin eines von Nonnen geleiteten Internats, konnte beim Betrachten eines biblischen Bildes nur Männer, nicht aber sich selbst finden. Ines Geipels Buch spielt in einem anderen gesellschaftlichen Kontext, doch die Hierarchie ähnelt Wittigs Bild. Mädchen spielten eine Nebenrolle, die Szenerie war von Männern beherrscht. Diese Männer betrachteten den Zugriff auf die Körper der jungen Mädchen als eine Selbstverständlichkeit.

Es geht um das Staats-Doping in der DDR. 1974 hatte das Politbüro den geheimen Staatsplan 14.25 beschlossen, wonach nahezu alle Leistungssportlerinnen und -sportler ohne ihr Wissen gedopt wurden, ausgenommen die künstlerischen Gymnastinnen und die Segler. "Diplomaten in Trainingsanzügen" hatte Walter Ulbricht die Spitzensportler der DDR genannt, die Prestige des Arbeiter- und Bauernstaates steigern sollten. Vor allem für die Körper und Seelen der jungen Mädchen war die Einnahme männlicher Sexualhormone, oft noch vor der ersten Menarche, verheerend. Sie schluckten die blauen Pillen, "Oral-Turinabol", bei VEB Jenapharm produzierte Anabolika, als vermeintliche Vitamine, heute leiden sie an schweren Krankheiten. Anabolika bewirken irreversible Stimmvertiefungen und Krankheiten der Geschlechtsorgane, stören die Fruchtbarkeit, lösen Leberkarzinome und Lebertumore, Herzinfarkte, Muskel- und Sehnenverletzungen und psychische Krankheiten aus - sogar Schizophrenie.

Zwischen dem 3. Mai und dem 18. Juli 2000 wurde vor dem Landgericht Berlin gegen den langjährigen DTSB-Präsidenten Manfred Ewald und den Sportmediziner Manfred Höppner als Verantwortliche des DDR-Staatsdopings verhandelt. Ewald wurde zu 22 Monaten, Höppner zu 18 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Zehn Jahre hatten sich die Ermittlungen dahingeschleppt, dann war Eile geboten. Vor dem 3. Oktober 2000 musste das Urteil wegen der Verjährungsfrist gesprochen werden, also blieb keine Zeit mehr, alle Zeuginnen und Zeugen zu hören. 120 von 142 Strafanzeigen wurden niedergeschlagen. Die Anklage war auf "Körperverletzung" reduziert. Kritik an dem System, das so skandalös und menschenverachtend mit dem eigenen Sportnachwuchs experimentiert hatte, durften die Nebenklägerinnen nicht äußern. Auch ihre Leidens- und Krankengeschichten spielten in dem Prozess nur eine sekundäre Rolle: Leid ist kein Tatbestandsmerkmal.

Ines Geipel, vor kurzem Professorin für Verssprache und Versgeschichte an der Berliner Theaterhochschule "Ernst Busch", gehörte als Sprinterin der DDR-Nationalmannschaft an. Auch sie war Nebenklägerin des Prozesses. In "Verlorene Spiele" erhellt sie den Kontext, der im Gerichtssaal nicht zur Sprache kam: die unheilvolle Verzahnung von Sport und Staatssicherheit, die Militarisierung des DDR-Sports. Ihr Journal ist ein Politkrimi und ein zugleich literarisch anspruchsvolles Buch, in dem Einflüsse von Karoline von Günderode, Franz Kafka, Ingeborg Bachmann und Robert Musil zu erkennen sind. Musil hatte sich in seinem "Mann ohne Eigenschaften" mit der Relevanz von Körperbildern und der Diskrepanz von Geist und Körper in der Gesellschaft auseinandergesetzt. Ines Geipel transponiert Musils Überlegungen in die Gegenwart. Sie schafft mit ihrem Journal den ungewöhnlichen Spagat zwischen Sport und Literatur, was einen interdisziplinären Diskurs ermöglichen könnte. Literarisch anspruchsvoll und sprachlich subtil zeichnet sie die Portraits von sechs Nebenklägerinnen des Prozesses, denen die Erfahrung der Entfremdung des eigenen Körpers, der Entzug des Originals, gemeinsam ist: die Stimmen wurden immer tiefer, der Körperbau immer männlicher, die jugendliche Psyche wusste mit diesen "androgenisierten Körperpanzern" nicht umzugehen.

Es muss ein Moment der Erkenntnis um das Abhandenkommen des eigenen Lebens gewesen sein, als sich die damals 16-jährige Schwimmerin Ute Krause spontan während einer Trainingsstunde weigerte, jemals wieder in ein Becken zu steigen. Seit ihrer Jugend leidet sie an Bulimie. Die Speerwerferin Yvonne Gebhard ist an Brustkrebs erkrankt, der histologische Befund des Tumors wies auf Anabolika hin. Die Weltmeisterin im Kugelstoßen von 1987, Heidi Krieger, ist heute ein Mann: Andreas Krieger. Zehn Jahre andauernde, schwere Anabolika-Gaben hatten eine möglicherweise vorhandene Transsexualität beschleunigt. Ein Sohn der Schwimmerin Martina Gottschalt wurde mit einem Klumpfuß geboren. Die frühere Diskuswerferin Brigitte Michel litt als junges Mädchen an einer lebensgefährlichen Nierenerkrankung durch geheime Anabolika-Gaben. Wie die Geschädigten heute mit ihren Leiden fertig werden, ist letztlich ihr Problem. Sie müssen selbst auf ihre Krankheiten aufmerksam machen, müssen selbst dafür kämpfen, Renten oder Entschädigungen zu bekommen - bis jetzt werden sie nicht einmal medizinisch betreut. Ines Geipels Buch ist ein Schritt in die Öffentlichkeit. Es rückt endlich die Mädchen ins Bild.

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