Vermisst : 100 Tage Ungewissheit

Madeleine bleibt verschwunden – die Polizei hat immer noch keine heiße Spur. Dafür beginnt die Stimmung der Dorfbewohner sich gegen die McCanns zu richten.

Ralph Schulze[Madrid]

Das kleine Dorf Praia da Luz an der portugiesischen Algarve war ein verschlafenes Dorf mit vielen Sackgassen. Gässchen, die zu den blumengeschmückten Siedlungen der ausländischen Bewohner führen. Fast alles Briten, die in diesem Küstennest die Mehrheit stellen. Genauso wie im „Ocean Club“, jenem Hotel, in dem Kate und Gerry McCann mit Tochter Madeleine sowie den zweijährigen Zwillingen Sean und Amelie Urlaub machten. Doch seit Madeleine am 3. Mai, vor 100 Tagen, auf rätselhafte Weise aus dem elterlichen Hotel-Appartement verschwand, ist es mit der Ruhe in Praia da Luz vorbei.

Die McCanns waren zum Abendessen gegangen, als sie zurückkamen, lag „Maddie“ nicht mehr im Bett. Seitdem durchkämmen TV-Teams den Ort, um irgendetwas Neues mitteilen zu können. Belagern das Ferienhäuschen, das die McCanns nach dem Schock bezogen und in dem sie ausharren wollen, „bis wir unsere Tochter wiederhaben“. Beobachten die Kripoteams, die immer wieder im Hotel, im Dorf und bei den McCanns auftauchen, um doch noch eine brauchbare Spur zu finden. Doch die Ermittlungen scheinen in einer Sackgasse zu stecken.

Die Bewohner des Ortes haben die Lust, auf Reporterfragen zu antworten, schon seit langem verloren. Türen und Fensterläden gehen zu, wenn Kameras und Mikrofone auftauchen. Die Stimmung wende sich zunehmend gegen die Familie McCann, sagt Francisco Pagarete. Er ist der Anwalt jenes britischen Immobilienmaklers, der anfangs von der Polizei als Kinderschänder verdächtigt wurde. „In Praia da Luz sagt man, die McCanns sollen verschwinden“, behauptet Pagarete. „Sie verschaffen dem Ort nur einen schlechten Ruf.“ Doch nicht nur in Praia da Luz, sondern in ganz Portugal hat sich der Wind gegen die Familie McCann gedreht. In den vergangenen Tagen, pünktlich zum gut dreimonatigen Verschwinden Madeleines, begannen portugiesische Zeitungen sich gegenseitig mit angeblichen Ermittlungsergebnissen zu überbieten: Neue Spuren, möglicherweise Blut, seien im Hotelzimmer gefunden worden. Spürhunde hätten „Leichengeruch“ in dem Appartement entdeckt. Die Aussagen von Vater und Mutter McCann über die letzten Stunden vor dem Verschwinden Madeleines seien „widersprüchlich“. Die Polizei arbeitet nach wie vor mit drei möglichen Szenarien in Sachen Madeleine: Unfall, Mord oder Entführung.