Welt : Vermisst in Manhattan: Kennzeichen Goldkette

Porträts lächelnder Gesichter, ein paar Stichworte zum Lebenslauf und eine Telefonnummer für einen Anruf, der vielleicht doch noch alles zum Guten wendet: Die Straßen New Yorks gleichen in den Tagen nach dem Anschlag auf das World Trade Center einem gigantischen Fotoalbum. Zu Tausenden haben verzweifelte Angehörige Fotos angebracht, wo immer es möglich ist: auf Briefkästen und Bänken, Telefonzellen und Bushaltestellen, Autos und Verkehrsschildern. Fotos ankleben und den Suchmannschaften Hinweise geben, mehr können die Menschen nicht tun, die auf Nachricht von einer vermissten Person warten. Die Zentrale der Nationalgarde, das Armory Building, ist zur Auffangstelle für die Angehörigen geworden, hier können sie mit den Ermittlern reden, aber auch psychologischen Beistand bekommen.

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA
Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Stetig treffen die Leute in der Empfangshalle ein. Sie werden gleich von Fachpersonal umringt, das feststellt, ob sie körperlich und seelisch stabil sind. Und dann beginnt für sie der schwere Gang zur Polizei, der sie Fragen zu den Vermissten beantworten müssen. "Er trug eine schwarze Hose und ein rosafarbenes Polohemd, eine Uhr von Beaume und Mercier mit blauem Armband, eine Goldkette um den Hals und eine schwarzgeränderte Brille", zählt Joel Hagby Angaben auf, die er von der Frau eines verschwundenen Freundes erfahren hat.

"Röntgenaufnahmen, Narben, Herzschrittmacher: Unsere Ermittler sammeln alle Informationen", erklärt ein Polizist. Diese Informationen werden dann mit den Erkenntnissen der Mediziner abgeglichen, bevor man sich noch einmal mit der Familie des Betroffenen in Verbindung setzt, um eventuell noch notwendige Einzelheiten zu klären.

"Wir haben beschrieben, was er im Portemonnaie hatte und was er trug, wir haben Fotos und ärztliche Verschreibungen abgegeben", erzählt Robert Cholowsky beim Verlassen des Armory Building. Neben ihm steht mit rot verweinten Augen Diana Medaglia, die kaum die Worte aussprechen kann: "Ich suche meinen Vater."

Eine Frau aus Deutschland ist bei dem Anschlag schwer verletzt worden. Sie liegt mit Verbrennungen in einem New Yorker Krankenhaus. Die Frau hatte für eine Firma im World Trade Center gearbeitet. Über weitere schwer verletzte oder tote Deutsche liegen dem Krisentab des Generalkonsulats sowie der UN-Mission in New York bislang keine Informationen vor. Der stellvertretende Leiter der UN-Mission und Sprecher des Stabes, Hanns Schuhmacher, warnte vor Panikmache und Spekulationen im Zusammenhang mit deutschen Opfern. Der deutsche Krisenstab in New York stehe in ständigem Kontakt mit Polizei und Hospitälern. Laut dpa umfasste diese Liste "nicht kontaktierbarer Personen" zeitweilig sogar mehr als 800 Namen. Inzwischen konnte jedoch der Aufenthalt von mehr als der Hälfte dieser von Angehörigen, Freunden oder Unternehmen als nicht kontaktierbar gemeldeten Deutschen in New York geklärt werden.

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