Welt : Vermisste Mädchen: Bis auf den Grund

Eckhard Stengel

Der Wirt der Pizzeria "Il Grano" hat eigentlich keine Zeit: "Mittagsstress!" Aber dann lässt er sich doch noch ein paar Worte zum Fall der verschwundenen Adelina entlocken: "Schön ist das nicht, vor allem wenn man selber Kinder hat." Er lässt seine Kleinen nur noch dann draußen spielen, wenn ein Erwachsener sie begleiten kann. "Andere Eltern machen das auch so", erzählt der Wirt und wendet sich wieder seiner Arbeit zu.

"Il Grano" liegt nur wenige hundert Meter entfernt von jenem Hochhauskomplex in Bremen-Kattenturm, wo am Donnerstagnachmittag die zehnjährige Adelina zuletzt gesehen wurde. Ihre nebenan wohnende grippekranke Mutter hatte sie gebeten, beim Urgroßvater etwas zum Essen zu holen. Nachdem Adelina seine Wohnung im elften Stock verlassen hatte, wurde sie nicht mehr gesehen.

In den ersten Tagen suchten 200 Kripo-, Schutz- und Bereitschaftspolizisten jedes Gebüsch und jeden Bach in der Umgebung ab, besuchten Nachbarn und Schulkameraden. "Die Beamten waren ganz hautnah präsent und haben überall herumgefragt", erzählt eine Lehrerin der Grundschule, deren 4. Klasse Adelina gerade beendet hat.

Zwei verschwundene Mädchen halten derzeit die Öffentlichkeit in Atem. Neben Adelina ist auch Julia aus Biebertal bei Gießen verschwunden.

Einen Tag vor dem Verschwinden Adelinas hatte es Zeugnisse gegeben. Ist die Zehnjährige untergetaucht, weil sie schlechte Noten hatte? Ziemlich unwahrscheinlich, denn ihr Zeugnis war zufriedenstellend, meint die Polizei.

Verunglückt?

Ist sie verunglückt? Hat ihr jemand etwas angetan? Wurde sie entführt - vielleicht von ihrem leiblichen Vater, der im hintersten Sibirien lebt? Die Fahnder wissen es nicht. Auffällig ist immerhin, dass sich der Vater derzeit offenbar nicht in seinem Dorf aufhält, wie ein Kontaktmann des Bundeskriminalamtes ermittelt hat.

Auch ein öffentlicher Aufruf der Mutter half bisher nichts. Die 27-Jährige, die seit Adelinas Verschwinden psychologisch betreut wird, hatte sich in einer Polizei-Pressekonferenz auf Deutsch und Russisch an etwaige Täter ebenso wie an noch unbekannte Zeugen gewandt und für ihre Tochter hinzugefügt: "Wenn Du mich jetzt siehst und hörst - ich bin in Gedanken bei Dir." Bisher war alles vergeblich. "Wir haben nichts, was auf eine heiße Spur hindeuten würde", sagte am Montagnachmittag der Bremer Polizeisprecher Ronald Walther. Immerhin wissen die Beamten jetzt endgültig, dass sich das Mädchen nicht mehr in dem Hochhaus des Urgroßvaters aufhält. Die Polizei hatte sich zunächst nicht getraut, alle 180 Wohnungen zu inspizieren - also auch diejenigen, deren Mieter gerade nicht da sind und die Beamten nicht freiwillig hineinlassen können. Ohne konkreten Tatverdacht kein Durchsuchungsgrund, hieß zunächst die Devise. Doch inzwischen schätzen die Ermittler die Rechtslage anders ein und haben sich nun auch in den letzten Wohnungen umgeschaut - ohne Erfolg.

Auch an den Beamten geht der Fall nicht spurlos vorbei. "Ich als Vater kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als dass man nicht weiß, wo sein Kind ist", sagt Polizeisprecher Walther. "Diese Ungewissheit macht einen wohl fertig."

Da von den vermissten Mädchen Julia und Adelina weiterhin jede Spur fehlt, erhärtet sich der Verdacht auf Verbrechen. Rund um Biebertal bei Gießen durchsuchte die Polizei am Montag vergeblich Erdhöhlen und Bunker auf der Suche nach Hinweisen über die achtjährige Julia. Von ihr fehlte ebenso wie von der zehn Jahre alten Adelina in Bremen auch nur die kleinste Spur. Adelina wird seit Donnerstag, Julia seit Freitag vermisst.

Bis zum Nachmittag brachte die Suchaktion von rund 350 Mann - 300 Polizisten und 50 Feuerwehrleute - in der Umgebung von Biebertal die Polizei nicht weiter. Ortskundige hatten die Suchmannschaften zu Höhlen und Bunkern geführt, in denen Julia hätte versteckt sein können. Wie Polizeisprecher Gerald Frost sagte, wurde über das weitere Vorgehen noch nicht entschieden. Mit dem Verschwinden Julias beschäftigt sich eine aus 14 Beamten bestehende Sonderkommission.

Straftäter überprüft

Die Beamten überprüften auch der Polizei bekannte Sexualstraftäter - zunächst ohne Ergebnis. Aus der Bevölkerung gingen rund 250 Hinweise ein; darunter sei aber keine heiße Spur, betonte Frost. Auch den beiden Fahrzeugen, nach denen in dem Fall gesucht werde, sei man nicht näher gekommen. Dabei handelte es sich um einen schwarzen Mercedes und einen weißen Pkw Kombi.

Ein Zusammenhang mit dem Mord an der achtjährigen Johanna Bohnacker werde überprüft, sagte Frost. "Konkrete Anhaltspunkte haben wir aber nicht." Johanna war 1999 im hessischen Ranstadt-Bobenhausen verschwunden und sieben Monate später tot an der Autobahn Frankfurt-Kassel in der Nähe der Raststätte Berfa gefunden worden. Von dem Täter fehlt bis heute jede Spur.

In Bremen kam am Vormittag die aus 30 Beamten bestehende Sonderkommission "Adelina" zusammen. Inzwischen seien rund 100 Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen, sagte ein Sprecher. Eine erkennbar heiße Spur sei aber nicht darunter. Polizisten verteilten Fahndungsflugblätter und befragten Anwohner. Zudem setzten sie die Durchsuchung der Großwohnanlage fort, in der das Mädchen zuletzt gesehen worden war. Inzwischen hätten die Beamten fast alle Wohnungen in dem gewaltigen Block gesehen, sagte der Sprecher. Ein Schwerpunkt der Ermittlungen liege auch auf dem familiären Umfeld.

Auch von der neunjährigen Peggy aus Oberfanken fehlt zwei Monate nach ihrem Verschwinden jede Spur. Die Sonderkommission habe inzwischen die Hälfte der 2 100 Hinweise abschließend bearbeitet, sagte ein Sprecher der Polizei in Hof. Das Mädchen war am 7. Mai auf dem Heimweg von der Schule verschwunden.

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