Welt : Vermisste Praktikantin: Eine verhängnisvolle Affäre

Andreas Oswald

In Washington ist eine Praktikantin verschwunden. Seit zwei Monaten. Alles Suchen hat bislang nichts gebracht. Chandra Ann Levy, 24 Jahre alt, war Praktikantin im Justizministerium. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht der kalifornische Kongressabgeordnete Gary Condit, ein Demokrat, 53 Jahre alt. Sein Wahlkreis liegt in dem kalifornischen Ort Modesto. Von dorther kommt auch Chandra.

Condit nahm sich jetzt einen Rechtsanwalt, nachdem der öffentliche Druck auf ihn immer mehr zugenommen hat. Seine Rolle in dem Fall ist unklar, die Polizei bekräftigt ausdrücklich, dass gegen ihn nicht ermittelt werde. Nach Medienberichten über eine Beziehung des verheirateten Mannes mit der Praktikantin räumte er zunächst öffentlich ein, mit ihr befreundet gewesen zu sein.

Doch was die Angehörigen der verschwundenen Frau und die Öffentlichkeit stutzig macht, ist die Weigerung des Mannes, überhaupt über mögliche Spuren zu der Frau zu reden. Er schweigt. Und je größer sein Schweigen wird, umso größer wird das Thema in den Medien. Inzwischen vergeht kein Tag, an dem die großen Zeitungen nicht über den Fall berichten.

Dabei ist ungewiss, ob es dem Mann nur darum geht, eine mögliche Affäre mit der Verschwundenen gegenüber seiner chronisch und schwer erkrankten Frau zu verneinen, oder ob er andere Motive hat. Als Susan Levy, die Mutter der Verschwundenen, mit ihm telefonierte, wurde er ihren Angaben zufolge barsch. Die Mutter sagte ihm, es gehe ihr nicht darum, mit wem ihre Tochter eine Liebesbeziehung unterhält, sondern darum, wo ihre Tochter geblieben ist.

Es gibt zwar keine Hinweise darauf, dass der Abgeordnete mit dem Verschwinden Chandras zu tun hat, aber es ist klar, dass er etwas mit ihr zu tun hatte. Was die Öffentlichkeit beunruhigt, ist die Tatsache, dass er eigentlich alles sagen müsste, was er über sie weiß, Dinge, die vielleicht Hinweise auf ihr Verbleiben geben könnten. Genau das tut er nicht. Er sagt gar nichts. "Fünf Wochen Schweigen sind genug", titelte schon vorvergangene Woche die Zeitung seines Wahlkreises, die "Modesto Bee". Früher war das Blatt immer freundlich mit ihm umgegangen. Jetzt hat die Unruhe seinen Heimatort erreicht. Condit wird gegenüber den Medien auch seine Eitelkeit zum Verhängnis. In seinem Büro hat er überall Fotos von sich aufgehängt. Er posierte als Fotomodell für kernige Männermagazine.

Die Umstände des Verschwindens geben den Fahndern Rätsel auf. Chandra Levy hatte ihr Praktikum gerade beendet und wollte noch ihre Mitgliedschaft im Fitness-Club kündigen. Sie hatte ihre Reisetasche gepackt, Papiere und Tickets lagen bereit in ihrem Zimmer. Sie wollte offenkundig gerade aufbrechen, zurück nach Kalifornien. Das einzige, was fehlte, waren ihre Schlüssel. In dem Zimmer gibt es keinerlei Anzeichen von einem Kampf. Das Zimmer war aufgeräumt, als wollte sie es in einwandfreiem Zustand verlassen. Die Frau musste das Zimmer freiwillig und plötzlich verlassen haben.

Dass die Frau für zwei Monate verschwindet, unter solchen Umständen und ohne ein Zeichen von sich zu geben, ist für die Angehörigen kaum nachvollziehbar. Ein Selbstmord wird von den Angehörigen und der Polizei ausgeschlossen. Nicht mehr ausgeschlossen wird dagegen ein Verbrechen.

Der demokratische Abgeordnete hat einen prominenten Anwalt genommen, nachdem die Angehörigen der Verschwundenen ihrerseits Anwälte angeheuert haben, um ihn zum Reden zu bringen. Das Erste, was sein Anwalt gestern erklärte, war, dass Condit mit der Polizei zusammenarbeiten werde. Er werde alle Fragen der Fahnder beantworten. Die Angehörigen beten, dass er ihnen sagt, dass Chandra noch lebt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben