Vermisster Elfjähriger : Wo ist Jeremie?

Die Polizei sucht einen Elfjährigen aus Hamburg, der aus seiner Pflegefamilie in einem Wanderzirkus abgehauen ist. Oder hat ihn doch seine Familie abgeholt? Das Jugendamt muss sich rechtfertigen.

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Seit dem 20.11.2011 ist der elfjährige Jeremie aus der Kleinstadt Lübtheen vermisst. Er war mit dem abgebildeten Kleintransporter unterwegs.
Seit dem 20.11.2011 ist der elfjährige Jeremie aus der Kleinstadt Lübtheen vermisst. Er war mit dem abgebildeten Kleintransporter...Foto: dapd

Das Schicksal eines Elfjährigen bewegt eine ganze Großstadt. Der aus Hamburg stammende Knirps heißt Jeremie und ist seit Tagen wie vom Erdboden verschluckt. Am vergangenen Dienstag verschwand der Junge aus seiner Pflegefamilie. Einen Tag später rief er bei seinem Großvater an und teilte ihm mit, dass es ihm gutgehe. Seitdem rätselt die Polizei, ob hinter dem Verschwinden eine Ausreißergeschichte steckt oder ob es sich womöglich um einen familieninternen Entführungsfall im Verlauf eines Sorgerechtsstreits handelt. Auch am Sonntag ging die Suche dem Jungen weiter.

Jeremie lebte zuletzt in einem Wanderzirkus, der in der mecklenburgischen Kleinstadt Lübtheen sein Winterquartier bezogen hat, während der Saison aber bundesweit herumreist. Ein Kleintransporter vom Zirkus, der zusammen mit dem Kind verschwand, wurde in Hamburg-Billstedt vor einem Friedhof abgestellt. Das nährte zunächst die Vermutung, Jeremie hätte das Fahrzeug dort hingesteuert. Seine Pflegemutter glaubt jedoch nicht daran, und inzwischen haben auch Jugendbehörde und Polizei Zweifel, ob der Vermisste die rund 100 Kilometer mit dem Minilaster wirklich selbst zurückgelegt haben kann.

Wanderzirkus im Winterquartier. Von hier verschwand Jeremie.
Wanderzirkus im Winterquartier. Von hier verschwand Jeremie.Foto: dapd

Das Jugendamt Hamburg-Mitte hat als verantwortlicher Vormund nach Angaben der Pflegemutter inzwischen Strafanzeige wegen des Verdachts der Kindesentziehung erstattet. Es gebe noch keine konkreten Hinweise auf den Aufenthaltsort des Jungen, hieß es von der Polizei am Sonntag. Diese geht zurzeit auch der Spur nach, dass er sich im weitläufigen Umfeld von Verwandten aufhält. Jeremie ist Sprössling einer Sinti-Großfamilie.

Auf ihn trifft zu, was man landläufig „schwere Kindheit“ nennt. Seine Eltern sind drogensüchtig, weshalb er bei den Großeltern aufwuchs. Aber auch dort hat er möglicherweise kein wohlbehütetes Zuhause gefunden und soll immer wieder Misshandlungen ausgesetzt gewesen sein. Der verhaltensauffällige Junge wurde so bereits in seinen ersten Lebensjahren aktenkundig. Die Polizei erwischte ihn einmal mit einem Gasrevolver. Er schmiss Scheiben ein und trieb sich herum. In mehreren Schulen kam man nicht mit ihm zurecht, was ihm den Vermerk „nicht beschulbar“ einbrachte. Außerdem ist bekannt geworden, dass Jeremie sich auch selbst Verletzungen beigebracht haben soll.

"Circus Monaco". Hier trat Jeremie zuletzt als Clown auf.
"Circus Monaco". Hier trat Jeremie zuletzt als Clown auf.Foto: dpa

Ein Familiengericht sprach den Großeltern schließlich das Sorgerecht ab. Mit sogenannter Erlebnispädagogik wollte ein dann vom Jugendamt beauftragter Erziehungshilfeverein Jeremie die bestmögliche Sozialisation zukommen lassen. Dafür guckte sich der Trägerverein aus Nordrhein-Westfalen ab Dezember 2010 den Wanderzirkus aus. Dort fand der Junge eine Pflegefamilie mit bereits sieben leiblichen Kindern. Nach deren Aussagen fühlte sich Jeremie in seinem neuen häufig mobilen Zuhause wohl, musste keine Schule besuchen, lernte dafür mit seiner Pflegemutter am Computer.

In dem Zirkus trat er zuletzt als Clown auf. Im Internet tauchte aber auch ein kleiner Film auf, der ihn beim Feuerschlucken zeigt. Die Großeltern berichten von angeblichen Missständen in der Pflegefamilie. Der Junge habe ihnen erzählt, sagen sie, dass er nur abgehauen sei, weil man ihm verboten habe, Weihnachten bei Oma und Opa zu feiern. Die Pflegeeltern weisen unterdessen alle Anschuldigungen zurück.

Der Vorfall wird nun auch zu einem Politikum in Hamburg. Aus der CDU und von den Grünen kommen Zweifel, ob die Jugendamtsentscheidung für diese spezielle Erziehungsmaßnahme richtig gewesen sei. Hinter vorgehaltener Hand wird gar gefragt, ob der Junge nur wegen seiner ethnischen Herkunft den Zirkusbetreibern anvertraut wurde. Die angegriffene Behörde verteidigt sich und nimmt auch den Trägerverein in Schutz. Dieser verweist darauf, in einem zweiwöchigen Rhythmus mit Besuchen bei dem Zirkus seine Aufsichtspflicht zu erfüllen. Bisher sei man auf nichts Negatives gestoßen, beteuert der Leiter des Trägervereins.

Bei dem zuständigen Jugendamt handelt es sich um die Stelle, die bereits im Fall des Todes der elfjährigen Chantal die behördliche Verantwortung getragen hatte. Das Mädchen war Anfang des Jahres in der Obhut ihrer drogenabhängigen Pflegeeltern an einer Überdosis des Heroinersatzstoffs Methadon gestorben. Das hatte die Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen, die auch gegen das Jugendamt ermittelte. Die Jugendamtsleiterin und der Bezirksamtsleiter Markus Schreiber (SPD) verloren in der Folge ihre Posten. Die Grünen haben angekündigt, den Fall Jeremie jetzt auch in die Hamburger Bürgerschaft zu tragen.

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