Vernunft und Verführung : Der Fall Susanne Klatten: Im Reich der Gefühle

Warum fallen auch vernünftige und kluge Menschen auf Verführung herein? Die Frage, warum Gefühle stärker sind als die Vernunft, beschäftigt Hirnforscher wie Psychologen.

Adelheid Müller-Lissner
Medien: Milliardaerin Klatten ueber Monate von Kriminellen erpresst
Opfer eines Betrügers. Susanne KlattenFoto: ddp

 „Wenn die Leidenschaft zur Tür hereintritt, rettet sich die Vernunft durchs Fenster.“ Mag sein, dass das Sprichwort seine Berechtigung hat. Erklärt ist damit aber noch nichts. Denn wer lässt die starken Gefühle überhaupt zur Tür rein? Woher kommt es, dass auch Menschen verführbar sind, die mit viel Intelligenz und abwägendem Verstand gesegnet sind, die in ihrem bisherigen Leben als zurückhaltend und klug galten? Das haben sich viele gefragt, als in den letzten Tagen die Geschichte der reichsten Frau Deutschlands, der 46-jährigen Milliardärin Susanne Klatten, durch die Medien ging. Wie konnte die verheiratete Mutter dreier Kinder an einer Hotelbar auf einen Mann mit derart ausgeprägter krimineller Energie hereinfallen?

Die Frage, warum Gefühle stärker sind als die Vernunft, beschäftigt Hirnforscher wie Psychologen. Dass René Descartes den Menschen mit seinem Diktum „Ich denke, also bin ich“ nur ungenügend charakterisierte, weil er die Welt der Gefühle damit weitgehend ausblendete, ist in den letzten Jahrzehnten immer klarer geworden. Nicht zuletzt die „Hirn-Scanner“, die Bilder von Erregungszuständen im Gehirn liefern, machen Emotionen für Hirnforscher zum spannenden Thema. Faszinierend ist dabei das komplexe Zusammenspiel zwischen Nervenzellen und chemischen Botenstoffen.

Eines ist klar: Emotionen sind stammesgeschichtlich älter als die „kühle“, kognitive Art der Informationsverarbeitung. Und ohne intuitive „Bauch“-Entscheidungen – an denen in Wirklichkeit wichtige Teile des Gehirns beteiligt sind – ist vernünftiges Handeln nicht möglich. Der amerikanische Neurologe Antonio Damasio konnte zeigen, dass Patienten mit einem hohen Intelligenzquotienten sich bei lebenspraktischen Problemstellungen völlig hilflos zeigen, wenn bei ihnen Hirnregionen ausgefallen sind, die für die emotionale Bewertung von Situationen zuständig sind.

Offensichtlich können aber Gefühle auch dermaßen in die Irre führen, dass etwa eine Frau mit einiger Lebenserfahrung sich in einen Betrüger verliebt, der es nur auf ihr Geld abgesehen hat. Und das zunächst, weil Eindrücke wie der eines schönen Gesichts, einer angenehmen Stimme und eines zugewandten Auftretens in unserem Gehirn Vorrang genießen. „Wenn ein Reiz emotional ist, wird er schneller und effektiver verarbeitet als eine neutrale Information“, sagt die junge Psychologin Annekathrin Schacht, die gemeinsam mit Werner Sommer am Institut für Psychologie der Humboldt-Universität das Projekt „Emotionen in der Wort- und Gesichterverarbeitung“ leitet. Das geschieht automatisch. Und es geschieht auch außerhalb von schummrigen Bars, im vermeintlich sachlichen Ambiente eines Konferenzraums oder eines U-Bahn-Waggons. „Eine unserer neuen Studien liefert sogar Hinweise darauf, dass Gesichtsausdrücke noch schneller ausgewertet werden, wenn unser kognitives System durch andere Aufgaben maximal ausgelastet ist“, sagt Emotionspsychologin Schacht.

Das könnte bedeuten, dass, wenn jemand gerade sehr mit dem Verstand unterwegs ist, er für emotionale Signale besonders empfänglich ist. Auf der Suche nach einer Erklärung für das Dauervorfahrtsrecht der emotionalen Bewertung hilft der Aspekt der evolutionsbiologischen Zweckmäßigkeit weiter. „Wahrscheinlich beinhaltet es einen Überlebensvorteil, wenn das Gehirn emotionale Reize wie die Attraktivität und den Gesichtsausdruck einer anderen Person schnell verarbeitet“, sagt Schacht. Dass das rasche Abchecken der Attraktivität einer Person des anderen Geschlechts den Reproduktionserfolg unserer Vorfahren erhöhte, liefert uns allerdings nicht wehrlos Verführern jeder Art aus. „Studien haben gezeigt, dass man lernen kann, echte Gefühle von nur vorgespielten zu unterscheiden“, sagt der Psychologe Philipp Kanske, der am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig forscht. Allerdings seien Männer etwas besser darin trainierbar, Wahrheit und Betrug zu unterscheiden.

Ausgerechnet wenn der Einsatz hoch ist, scheinen Menschen leichter auf Betrüger hereinzufallen. „Wir neigen dazu, Dinge als besser zu bewerten, für die wir viel bezahlen müssen und viel aufs Spiel setzen“, sagt Kanske. Heute kann man sogar im Scanner zeigen, dass dann eine Region des Gehirns besonders stark aktiviert wird, die bei Konfliktaufgaben im Spiel ist, der anteriore cinguläre Kortex. Dabei gebe es allerdings große Unterschiede zwischen Individuen, die sicher auch eine genetische Grundlage haben, betont der Forscher. „Wer mehr von dem Botenstoff Dopamin zur Verfügung hat, kann mit solchen Konfliktaufgaben besser umgehen.“

„Im Zustand leidenschaftlicher Verliebtheit, wenn man das Objekt der Begierde überbewertet, gibt es allerdings immer dramatische Veränderungen in der Wahrnehmung“, sagt FU-Psychologieprofessor Peter Walschburger. Etwas ganz anderes kommt hinzu: Das Risiko, einem Betrüger und Erpresser dieses Kalibers zum Opfer zu fallen, steigt mit dem Kontostand. Wo nichts ist, hat der Erpresser seine Chance verloren. Das mag ein Trost sein für alle, die weit weniger Geld als Sehnsucht nach Liebe und Glück aufzubieten haben. Es ist jedenfalls kein Zufall, dass ausgerechnet Deutschlands reichste Frau diesen schlimmen Reinfall erlebte. Und es ist auch kein Beweis für zu starke Leichtgläubigkeit.

Auf jeden Fall zeugt es aber von Mut und klarem Verstand, wie sie mit der Situation fertig wurde. In dem Moment, als ihr klar wurde, dass sie einen Betrüger vor sich hatte, schaltete sie die Polizei ein. Das Ende der Geschichte beweist: Auch wenn sie manchmal länger brauchen, sind klare Abwägungen nicht wirkungslos.

Außer den Emotionen spielt auch das, was Psychologen als „kognitive Regulation“ bezeichnen, im Orchester der psychischen Fähigkeiten mit. „Es gibt zwei gleich gefährliche Abwege“, hat der französische Philosoph Blaise Pascal schon im 17. Jahrhundert festgestellt, „die Vernunft schlechthin zu leugnen und außer der Vernunft nichts anzuerkennen.“

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