Vernunftehe : Heißes Herz, kühler Kopf

Sind zurückgeschraubte Erwartungen das Erfolgsrezept für eine langjährige Partnerschaft? Experten loben die Vernunftehe. Beide Partner müssten sich von Illusionen verabschieden und eine "resignative Reife" entwickeln.

Jeder fünfte Single hat für die Suche nach einem Partner schon das Internet genutzt. Ob die Suche erfolgreich ist, steht auf einem anderen Blatt. Vor allem, wenn man mit „Erfolg“ eine langjährige Paarbeziehung meint. Warum klappt es so selten dauerhaft? „Ich bin zu anspruchsvoll“ lautete die Antwort, die am häufigsten gegeben wurde, als die Agentur ElitePartner vor kurzem 10.000 Singles nach den Gründen für ihre derzeitige Partnerlosigkeit befragte. Sind also zurückgeschraubte Erwartungen das Erfolgsrezept? Eine „Streitschrift für mehr Realismus in der Liebe“, die der Heidelberger Paartherapeut und Psychotherapie-Dozent Arnold Retzer verfasst hat, scheint das nahezulegen. „Lob der Vernunftehe“, so lautet der provozierende Titel. Ein Plädoyer für die „arrangierte“ Ehe früherer Jahrhunderte, als noch die Eltern darüber entschieden, mit wem der Bund fürs Leben eingegangen werden durfte, ist das Buch aber nicht. Ihm geht es vielmehr darum, dass Paare im täglichen Zusammenleben Vernunft walten lassen. Damit es zum Erfolg werde, müssten beide Partner sich von Illusionen verabschieden und eine „resignative Reife“ entwickeln, sagt Retzer. „Eine der herausragenden Möglichkeiten, Verzweiflung zu erzeugen, besteht darin, dass zwei sich zusammentun und heiraten, um gemeinsam glücklich zu sein.“ Das Versprechen, „in guten wie in schlechten Tagen“ zusammenzustehen, trägt dem realen Leben seiner Ansicht nach deutlich besser Rechnung.

Tatsächlich ist das „große Glück“ dort selten ein dauerhafter Mitbewohner, es festhalten zu wollen, wird leicht zum Krampf. Für das kleine, unscheinbarere Alltagsglück aber seien viele Paare viel zu wenig sensibel. „Wenn es sich einstellt, muss man es bemerken und genießen.“ Fast wie einen seltenen Gast.

„Was hält Ehen zusammen?“ wurde vor einigen Jahren in einem Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefragt. Die Gruppe um den Psychologen Klaus Schneewind von der Universität München interviewte mehr als 650 Paare, die schon mindestens 27 Jahre verheiratet waren. Als Rezept kristallisierte sich vor allem eines heraus: Gut miteinander reden und umgehen, gut über einander und auch über die Beziehung denken. Toleranz, Kompetenz im Umgang mit Konflikten und „beziehungsförderliche Überzeugungen“ wurden von den Befragten als wichtigste Voraussetzungen des anhaltenden Eheglücks genannt. „Man kann lernen, eine gute Ehe zu führen“, schließen die Autoren.

Endlose Problemdiskussionen gehören für Retzer nicht dazu. „Wenn Sie eine Ehe ruinieren wollen, müssen Sie sich nach einem anstrengenden Arbeitstag über all die Dinge unterhalten, die nicht klappen“, sagt auch der Berliner Partner- und Singleberater Christian Thiel, Verfasser des Buches „Was glückliche Paare richtig machen“. Auch Thiel ist bekennender Verfechter der Vernunft in Beziehungen. „Wenn wir einige Regeln kennen und beherzigen, wird eine Partnerschaft keineswegs langweiliger, sondern besser.“ Dazu gehört für ihn, Zeit und Energie in die Beziehung zu investieren, sich Unterschiede in Herkunft und Charakter bewusst zu machen – vor allem aber, sich gegenseitig den Rücken zu stärken. „Im romantischen Liebesmythos sind hohe Ansprüche dagegen gar nicht vorgesehen, erotische Anziehung ist ja per se das Allerleichteste.“

Schwerer ist es dagegen meist, mit den Macken der geliebten Person zu leben – im Bewusstsein der Tatsache, dass sie im Gegenzug dasselbe Entgegenkommen beweist. Von der „Illusion des Vertragens“, sagt Retzer, müsse man zur „Reife des Ertragens“ gelangen.

Um eine Beziehung zu erhalten, könnten sogar Illusionen vernünftig sein: „Positive Illusionen“ nämlich, mit deren Hilfe man sich Aussehen und Fähigkeiten des Partners immer wieder „schöner denkt“, als Außenstehende das jemals vermögen würden. Retzer hat dazu die Geschichte einer Ehefrau parat, die ihm erzählte: „Als ich zugenommen hatte, hat mein Mann gesagt, er mag dicke Frauen. Als ich wieder abgenommen habe, hat er gesagt, er mag schlanke Frauen. Irgendwann habe ich dann begriffen, dass er mich liebt.“

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