Verschwundener Frachter : Die verzweifelte Suche nach der "Arctic Sea"

Laut russischen Medien ist der vermisste Frachter in Spanien gefunden worden. Bestätigt wurde die Meldung jedoch nicht. Die Suche läuft auf Hochtouren.

Ann-Dorit Boy,Hauke Friederichs

Die britische Küstenwache ermittelt, wo die Arctic Sea abgeblieben ist. Russlands Marine lässt Kriegsschiffe nach dem Frachter suchen, die Küstenwache Portugals schickte Boote und Flugzeuge aus, Schwedens Bundespolizei prüft, ob ein Verbrechen vorliegt. Die Fahndung nach dem 4000-Tonnen-Schiff läuft auf Hochtouren, doch Ergebnisse gibt es keine. Das Schiff bleibt verschollen.

Russische Medien melden am Donnerstag, dass im spanischen Hafen San Sebastian ein Schiff gefunden wurde, das der Arctic Sea gleicht. Doch bestätigt wurde diese Meldung nicht. Quelle der Nachricht ist Michail Bojtenko, Chefredakteur des Online-Fachmagazins Meeres-Bulletin Sowfracht.

Er habe aus San Sebastian eine SMS erhalten, in der auf ein namenloses Schiff hingewiesen wurde, das in den Hafen eingelaufen sei. Der Frachter sei ebenfalls 98 Meter lang und ähnelt dem vermissten Schiff. Kurz zuvor hatte Bojtenko russischen Medien noch gesagt, dass man die Arctic Sea vielleicht bereits zerstört habe.

Die spanische Regierung dementierte nun. Der Hafen von San Sebastian könne ein Schiff von den Ausmaßen der Arctic Sea gar nicht aufnehmen. In San Sebastian legten nur Ausflugsboote und Fischkutter an.

Die Gerüchteküche brodelt seit mehr als einer Woche. Vor neun Tagen hätte der Frachter mit finnischem Holz an Bord den algerischen Hafen Bejaia erreichen sollen. Doch schon einen Tag nachdem er Finnland verlassen hatte, kam es zu einem merkwürdigen Zwischenfall.

Angeblich überfielen zehn Piraten das Schiff vor der schwedischen Insel Gotland. Doch weder die Besatzung noch die finnische Reederei meldeten den Vorfall bei den Behörden, nachdem die Kriminellen das Schiff verlassen hatten. Die Reederei informierte lediglich die russische Botschaft, da die 15-köpfige Besatzung aus Russland kommt. Die Diplomaten wandten sich wiederum an die Polizei in Finnland und Schweden und baten um Ermittlungen.

Die Arctic Sea war inzwischen weitergefahren. Am 28. Juli bestand Funkkontakt zwischen der britischen Küstenwache und einem Besatzungsmitglied. Den Beamten fiel dabei nichts Ungewöhnliches auf.

Dass die Arctic Sea fast unbemerkt durch den Ärmelkanal gefahren ist, überrascht. Die Wasserstraße zwischen England und Frankreich ist eine der meist befahrenen der Welt. Beide Anrainerstaaten kontrollieren den Schiffsverkehr äußerst genau. In der Woche passieren hunderte Schiffe die Stelle. Die Frachter, Tanker und Containerschiffe lassen sich über Radar und das Automatische Identifikationssystem (AIS) orten. Den Apparat hat jemand an Bord der Arctic Sea allerdings ausgestellt.

Ein Flugzeug der portugiesischen Küstenwache soll den Frachter noch Ende Juli gesichtet haben. Demnach war die Arctic Sea auf ihrem Kurs nach Nordafrika. Doch ob das Schiff jemals die Straße von Gibraltar passiert hat, ist unklar. Spanische Behörden gaben an, dass das Schiff vermutlich auf dem Atlantik geblieben ist, vielleicht mit Kurs auf die afrikanische Westküste.

Nach der Sichtung durch das Flugzeug brach jeglicher Kontakt ab. "Wir wissen nicht, was passiert ist“, sagte ein portugiesischer Beamter der britischen Zeitung Guardian. "Es ist möglich, dass das Schiff von Piraten angegriffen wurde.“ Dieselbe Auffassung vertraten russische und britische Behörden.

Die russische Marine entsandte Schiffe der Schwarzmeerflotte, welche die Arctic Sea finden und die Besatzung notfalls befreien sollen. Denn die russischen Behörden halten eine Entführung des Schiffes für möglich.

Das russische Verteidigungsministerium arbeitet nach eigenen Angaben bei der Suche eng mit dem Außenministerium, dem Katastrophenschutz, der Reederei und internationalen Organisationen zusammen. Eine Beteiligung zweier russischer Atom-U-Boote an der Großaktion, wie sie von russischen Medien berichtet worden war, wollte der Sprecher des Ministeriums nicht kommentieren. Die Boote erfüllten ihre speziellen Aufgaben in unterschiedlichen Ozeanen der Welt, sagte er. Über die Aufgaben und die Position der Boote könne er keine näheren Angaben machen.

Erste russische Kriegsschiffe passierten am Mittwoch die Straße von Gibraltar und verließen das Mittelmeer in Richtung Biskaya. Dort soll die Arctic Sea verschwunden sein – genau weiß das keiner so genau.

Doch zahlreiche europäische Medien berichten auch von einem anderen Verdacht: Es könnte sich bei dem Fall Arctic Sea auch um den Konkurrenzkampf verschiedener Mafiagruppen handeln, an Bord des Frachters vermuten manche versteckte Waffen oder Drogen. Auch sei es möglich, dass die Besatzung mit Kriminellen unter einer Decke stecke. Russische Marinevertreter wiesen den Verdacht entschieden zurück.

Doch ein Piratenüberfall scheint wenig wahrscheinlich. Holz sei keine lohnende Beute und das Schiff zu alt, sagten Sicherheitsexperten.

Mark Dickinson, Generalsekretär der Seefahrergewerkschaft Nautilus International, kritisierte die Behörden. "Es ist alarmierend, dass im 21. Jahrhundert ein entführtes Schiff durch die bestbewachte Wasserstraße der Welt fahren kann, ohne dass es kontrolliert wird“, sagte er dem britischen Radio-Sender BBC. Piratenangriffe auf Schiffe oder nur das unbemerkte Verschwinden eines Frachters halten hiesige Experten vor der deutschen Küste jedoch für undenkbar. "In diesen dicht befahrenen und gut kontrollierten Gewässern überfällt man nicht einfach mal so ein Schiff", sagte der für die Überwachung der östlichen Nordsee zuständige Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes Cuxhaven, Bernhard Meyer, der Deutschen Presseagentur. 

Die Nord- und Ostsee sowie der Ärmelkanal seien gut überwachte Gewässer, sagte auch eine Sprecherin der britischen Küstenwache. Auf dem Atlantik könne es aber lange dauern, ein Schiff in Not zu finden. "Es ist ein großer Ozean“, sagte die Sprecherin. Bei einer Katastrophe müssten Wrackteile und Holzstämme aus der Ladung an der Meeresoberfläche treiben – die Suche geht weiter.

Quelle: ZEIT ONLINE

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