Versteigerung am Flughafen : Der fremde Koffer

Beim Fliegen verlorene Gepäckstücke sind nicht für immer verloren. Jeder kann sie auf einer Auktion ersteigern. Ein Selbstversuch zum Ferienende.

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Dieser Schal ist das farbenfroheste, was unsere Autorin in ihrem ersteigerten Koffer entdecken konnte.
Dieser Schal ist das farbenfroheste, was unsere Autorin in ihrem ersteigerten Koffer entdecken konnte.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Als ich vor Jahren aus den Ferien zurückkam, war der Erholungszugewinn bereits auf dem Flughafen dahin. „Stichprobenkontrolle“, sagte ein Mann. „Bitte machen Sie Ihren Koffer auf.“ Ich möchte gar nicht ins Detail gehen und erzählen, was alles drin war. Nur so viel: Es war nicht unbedingt appetitlich. Und vor allem nicht ruffördernd. Wer möchte schon, dass jeder sieht, dass man Shampoo und Schlappen des Hotels eingesteckt hat?

Heute darf ich selbst in fremde Koffer schauen. Ich bin im hessischen Bad Camberg, wo in einer Halle Fundsachen vom Frankfurter Flughafen versteigert werden. Einzelstücke wie Handys, Bücher und Jacken kann man begutachten, die Koffer werden unbesehen, unberührt und ungeöffnet versteigert. Ich will einen von ihnen haben, mein Preislimit: 100 Euro.

Es ist schon erstaunlich. Da will man sonst bloß nicht die Katze im Sack kaufen, und hier gibt man sein Geld vielleicht für Dreckwäsche im Koffer aus. Natürlich sind auch echte Händler unter den 300 Auktionsbesuchern, ernsthaft und wortkarg prüfen sie iPads und Sonnenbrillen. Aber den meisten geht es um die Koffer. Eine Frau mit Kopftuch hofft auf verborgene Schätze, der Mann mit der Bieternummer 35 hat das Bedürfnis nach wohldosiertem Risiko. „Machen Sie den Koffer auf jeden Fall draußen auf“, warnt er mich mit wichtiger Miene. Aus einem seien mal Mäuse gekrochen. Ich selbst bin vor allem neugierig. Wie viel verrät der Inhalt über den Besitzer?

„Es ist das Überraschungsei-Prinzip, das die Leute lockt“, sagt Maren Wendt und wuchtet einen blauen Koffer auf die Bühne der Halle. Ihr Vater hat das Auktionshaus Anfang der Achtziger gegründet, als Kind spielte Maren Wendt mit ihrer Schwester Meike stundenlang zwischen Koffern Verstecken. Heute ist der Vater im Ruhestand, und seine Töchter leiten die Firma mit ihrer Mutter Birgit. Auf zehn Auktionen im Jahr, meist im Raum Hessen, versteigern sie Gegenstände, die am Frankfurter Flughafen liegen geblieben sind und drei Monate nicht abgeholt wurden. Drogen, Waffen, persönliche Dokumente und Bargeld werden vorher entfernt, das Geld steht dem Besitzer noch zwei Jahre zu, sämtliche Festplatten und Speicherkarten werden aus Datenschutzgründen gelöscht. Ähnliche Versteigerungen sind selten, in Hamburg etwa finden sie nur für Flughafenmitarbeiter statt, in Berlin werden gar keine angeboten.

„Hoffentlich gibt es keine Kofferlawine“, sagt Maren Wendt und schaut besorgt auf die Bühne, wo sie rund 80 Gepäckstücke zu einem Berg aufgetürmt hat. Ganz oben, wie eine bunte Fahne auf dem Gipfel, liegt ein Louis-Vuitton-Tuch. Ansonsten dominiert die Farbe Schwarz im Bergmassiv, die wenigen farbigen Koffer, vor allem ein großer roter, gefallen mir am besten. Maren Wendt dagegen deutet auf einen anderen. Er ist langweilig schwarz, hat aber verheißungsvolle Beulen, so als sei er bis unter den Rand vollgestopft. „Das ist ein Favorit“, sagt sie in einem Ton, der keinen Widerspruch duldet. Auf ihrem T-Shirt steht „A-Team“, so hieß eine US-Actionserie über Kriegsveteranen, und die Wendt-Frauen sind echte Kofferveteranen. Auf die Frage, welche Fundsache sie mal überrascht habe, zucken die drei nur mit den Schultern. „Es gibt nichts, was es nicht gibt“, fasst Birgit Wendt die Lage zusammen und ihre Tochter Meike Nahli referiert nüchtern die Fakten: Allein im Oktober habe der Flughafen fünf Millionen Passagiere gehabt und die meisten hätten mindestens einen Koffer dabei. So viel bleibe also gar nicht liegen.

Aber so etwas mögen die Auktionsgäste gar nicht hören. Sie haben ihre belegten Brote ausgepackt und wollen nun staunen. Zum Beispiel über das Geschirrset, 16-teilig und original verpackt, oder den mit braunem Leder bezogenen Rollstuhl. Die Romantiker im Publikum wundern sich am meisten über Fundsache 440, einen Ehering („So etwas Persönliches!“), die Pragmatiker über das Golfset („So etwas Großes!“).

Ich habe inzwischen eine grüne Karte, die mich zum Bieten berechtigt, einen Sitzplatz – und in der Reihe hinter mir zufällig den perfekten Coach. Er heißt Eugenius, hat nicht nur Erfahrung (sechs Auktionen, sechs ersteigerte Koffer), sondern auch Erfolge (in einem war ein Geheimfach und darin 3500 US-Dollar) und besonders sympathisch ist mir, dass er fast wissenschaftliches Interesse an den Koffern hat. Eugenius studiert Archäologie, Schwerpunkt Frühgeschichte, eines Tages, sagt er, wolle er den „missing link“ zwischen Mensch und Affe entdecken, bei den Auktionen geht es ihm um die Verbindung zwischen Gepäckstück und Besitzer. In einem fand er mal eine versehentlich noch volle Kamera-Speicherkarte und darauf Bilder eines Paars, eng umschlungen vor den Sehenswürdigkeiten Japans. „Ich glaube, das war ihre Hochzeitsreise“, sagt Eugenius.

Dann müssen wir aufhören zu reden, es ist 12 Uhr, die Auktion beginnt. Meike Nahli erläutert die Regeln: Ihre Schwester halte die Gegenstände hoch, man selbst hebe bei Interesse dann bitte das Bieterschild. Koffer würden bei 40 Euro, Taschen bei 15 Euro starten, zum Endpreis kämen 18 Prozent hinzu, das sei fürs Auktionshaus, alles andere gehe an die Flughafengesellschaft. Dann geht es mit einem schwarzen Koffer los, ich steigere zu Übungszwecken mit, höre aber bei 60 Euro auf. Es kommt mir falsch vor, einfach so den erstbesten zu nehmen. Mein Nachbar hat solche Bedenken nicht, er bekommt den Koffer für 95 Euro. „Jäger und Sammler“, spottet seine Frau.

Die nächsten Gegenstände – ein Boss-T-Shirt, ein Feuerzeug von Forza Lamborghini – interessieren mich nicht, aber dann kommt der Beulenkoffer, der Wendtsche Favorit. Weil sie es wissen muss, hebe ich meine Karte, aber mit 160 Euro wird er viel zu teuer für mich, und ich steigere erst wieder mit, als mein großer, roter Koffer dran ist. Erst schmeichelt es mir, dass so viele Karten hochschnellen, offenbar habe ich guten Geschmack, aber wieder ist mein Limit von 100 Euro schnell erreicht.

Sei’s drum, ich biete weiter, 105, 110 – ist ein schönes Rot so viel wert? Nein, denke ich bei 120, und so geht der Koffer für 140 Euro an einen großen, rothaarigen Mann. Zumindest äußerlich sind die beiden also ein gutes Paar, trotzdem nagt es an mir, sie so zusammen zu sehen. „Kann ich wenigstens mal reingucken?“ frage ich den Mann, und er öffnet mit der Großmut des Siegers den Reißverschluss.

Die Sachen darin erzählen sofort eine Geschichte: Hier kam ein Mädchen aus dem Sommerurlaub wieder, im Gepäck viele knappe Shirts, die Puderquaste mittendrin deutet auf Unordentlichkeit hin, verwöhnt ist sie außerdem: Der feine blaue Wollpulli liegt zusammengeknüllt auf dem Boden. Trotzdem ist der neue Besitzer zufrieden. Allein der Koffer, sagt er, sei einige hundert Euro wert.

Ich dagegen werde nervös. Anderthalb Stunden sind vorbei und zwei meiner Favoriten anderweitig vergeben. Kurze Beratung mit Eugenius. „Mir gefällt der Gestreifte, was meinst du?“, frage ich. „Keine Chance, der wird teuer“, sagt er, „Ich sage dir Bescheid, wenn einer kommt, bei dem du es probieren kannst.“ Gedemütigt drehe ich mich wieder nach vorn. Meike Nahli nimmt einen Schluck aus ihrer Tasse. „Ich geb’ dich nie mehr her“, steht darauf, für alle Gegenstände im Raum gilt das nicht. Die Menschen sind jetzt wie im Fieber. Eine Tüte mit 50 Nackenrollen geht für fünf Euro weg, und der Bieter mit der Nummer 31 kauft eine Tüte mit Waschmittel und Shampoo.

Und dann geht es plötzlich ganz schnell. „Wie wär’s mit dem?“, flüstert Eugenius. Vorne steht ein schwarzer Koffer, den ich gar nicht bemerkt hatte. Vielleicht bin ich zu oberflächlich, denke ich und hebe meine Karte. Bei 95 Euro steigt der letzte Rivale aus, und der Koffer gehört mir. Mit Aufpreis kostet er 112 Euro und zehn Cent, mehr als mein Limit, aber ich bin glücklich. Bis meine Umgebung den Koffer begutachtet. „Pech gehabt, zu leicht für einen Frauenkoffer“, sagt mein Nachbar, nachdem er ihn angehoben hat. Seine Frau fragt: „Welche Marke?“, liest die Aufschrift „Savebag“ und zuckt mitleidig mit den Schultern. Nur Eugenius lächelt mir zu. „Gut gemacht!“, flüstert er.

Er wird an diesem Tag nichts ersteigern, geduldig wartet er auf den richtigen. Mein Nachbar, der noch einen zweiten Koffer ersteigert, hat Glück und Pech zugleich: In einem ist Dreckwäsche, im anderen eine Uhr im Wert von 2100 Euro. Und Maren Wendt behält recht mit ihrer Prognose: Der Beulenkoffer ist prall gefüllt mit Markenkleidung – Unterwäsche, T-Shirts und Jeans von Nike und Calvin Klein, alles mit Preisschild und in der Größe des Freundes der Meistbietenden.

Meinen Koffer mache ich erst zu Hause auf. Mein erster Eindruck: Oh je, Spießerkoffer. Fein säuberlich gefaltet liegt die Freizeitgarderobe eines Investmentbankers oder Beraters vor mir. Dunkelblaue Jeans, weißes Hemd, T-Shirts in Weiß, Grau und Schwarz, zwei identische schwarze Lacoste-Pullover mit V-Ausschnitt. Originell ist nur der schwarz-rote Schal. Vielleicht das Geschenk eines Menschen, der glaubt, dass der Berater seinerseits Beratung braucht, zumindest in modischer Hinsicht. Ansonsten muss dieser Mann extrem massig sein, in seine Jeans würde ich drei Mal hineinpassen. „Wir haben nicht so große Körper leider“, sagt meine kleine Tochter, die noch Probleme mit der Satzstellung hat, dafür aber sehr empathisch ist. Tatsächlich bin ich etwas enttäuscht über den unspektakulären Inhalt.

Aber vielleicht hat der Besitzer sein Gepäck ja mal wie ich am Flughafen öffnen müssen und danach beschlossen, nie wieder etwas Verräterisches im Koffer aufzubewahren.

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