Welt : "Versuch über das Komische": Unterhalb des Kiefers wird nicht gelacht

Tomas Fitzel

Als Reinhard Hauff den Bestseller "Mit den Clowns kamen die Tränen" von Johannes Mario Simmel verfilmte, setzte er mit einem Clownsauftritt im Zirkus aus. Die Zuschauer lachen begeistert, und sie lachen anfangs auch noch, als drei unbekannte Clowns aus ihren Geigenkästen Maschinenpistolen hervorholen und in die Menge schießen. Diese Einstellung sollte ungefähr eine Minute dauern, und dafür probte Hauff mit einem Großaufgebot an Statisten zwei Tage lang. Das hieß: Zwei Tage lang sollten sie unter heißen Scheinwerfern schwitzend über ein und die selbe Clownsszene lachen.

Wie die Tränen der Clowns kommen

Nur, wenn die Kamera in der Mitte positioniert war, konnten die Clowns hinter der Kamera improvisieren, um die Statisten doch noch irgendwie zum Lachen zu bringen. Das Honorar kassierte man mit schmerzendem Kiefergelenk. Komik ist ein schweres Gewerbe.

Von dem Philosophen Vittorio Hösle hätte man wohl eher nicht einen "Versuch über das Komische" bei Woody Allen erwartet. Wobei einer von Hösles Hausphilosophen, Giambattista Vico, den er zwar aus unerfindlichen Gründen Giovanni Battista taufte, aber sonst erstmals sehr präzise übersetzte, vielleicht Woody Allen gar nicht so sehr unähnlich ist: Vico startete in sein philosophisches Leben mit einem schweren Sturz von der Treppe, der ihm als lebenslanges Resultat Melancholie bescherte. Daneben finden sich in Vicos wissenschaftlichen Überlegungen auch unfreiwillig komische Einfälle, etwa über die Entwicklung des Menschengeschlechts nach der Sintflut. Vittorio Hösle ist zweifelsohne zu schwersten Höchstleistungen im Stande, zeigt dies doch schon sein erdrückender, von ihm selbst verfasster Lebenslauf (http:// phaidon. philo.at/ asp/vhoesle.htm ): Mit noch nicht 25 Jahren reichte er bereits seine Habilitationsschrift ein! Und darüber hinaus ist er nicht nur in der Philosophiegeschichte, sondern auch in unserer banalen Massenkultur bewandert, wie er wohl mit diesem schmalen Büchlein beweisen wollte.

Für wen ist es aber geschrieben? Dass Woody Allens Protagonisten (Hösle nennt sie, um sie vom Regisseur Allen zu unterscheiden, generalisierend "Woody") sich in der Natur nicht zuhause fühlen (S.47), meistens scheitern (S.64), sexuell besessen und zugleich gehemmt sind (S.70) - dies dürfte auch dem weniger gebildeten Kinogänger nicht gänzlich unverborgen geblieben sein. Wer wiederum Allens Filme noch nicht kennt, dem wird noch weniger damit gedient sein, denn das Buch weist nicht nur keine einzige originäre Idee auf, es besitzt auch keinerlei Struktur. Apropos Filme - dass es sich um eben solche handelt, wird vom schriftgelehrten Hösle lediglich am Rande erwähnt. Immerhin erfährt man, "Zelig" solle irgendwie der technisch vollkommene Film sein, und die Filme seien nur deswegen große Filme, "weil die Beziehung zwischen Bild, Musik und Text außerordentlich ausgearbeitet ist." Aha!

Interessanter wird es schon bei Fragen der Sexualität. Hösle kommt nicht nur zu der bahnbrechenden Erkenntnis, dass sich erotische Phantasien von Individuum zu Individuum unterscheiden, bei ihm werden den Männern als Folge der Frauenemanzipation in unberechtigter Aneignung weiblicher Sexualität, oder besser in Unkenntnis dieser, auch noch ein Penisneid angedichtet. Aber was will man von jemandem auch anderes erwarten, den nur der "intelligente Lacher" interessiert, und daher alles, was unterhalb des Kiefers beim Lachen passiert eben nicht. Hösle schließt mit der nun wirklich stupenden Feststellung, bei Allen sei der Reichtum an Ausdrucksmitteln im Vergleich zu Aristophanes "natürlich" größer, weil der Film 2400 Jahre danach schließlich über mehr Tricks verfüge. Natürlich werden viele Namen von Philosophen genannt: Schopenhauer, Kant, Bergson, Nietzsche und sogar Habermas. Dabei hat sich Hösle über Luigi Pirandellos Essay über den Humor von 1908 nicht hinausbewegt. Und bereits Pirandello bediente sich recht ungeniert bei einem Vorgänger. Aber wie er einem Freund gestand: "Das musste ich tun (und es hat mich manche Pein gekostet!), um es einer Kommission aus fünf Universitätsprofessoren vorlegen zu können, die meine wissenschaftlichen Meriten für meine Beförderung vom außerordentlichen zum ordentlichen Professor zu prüfen hatte."

Hier ist man bei dem einzigen Grund angelangt, warum über dieses Nichts überhaupt eine Silbe verloren werden muss. Es ist nicht die Schrift eines x-beliebigen Autors in einem kleinen Publikumsverlag, diese Schrift entstand im ehrwürdig akademischen Umfeld.

Das Bekenntnis und das Chamäleon

Hösle absolvierte als Wunderkind der Philosophie eine erstaunliche Karriere. Aber wodurch, fragt man sich angesichts dieses Buches? Wäre man verwegen, würde man, wie Michael Maar bei Thomas Mann, dieses Buch als Bekenntnis lesen. Denn ausgiebiger geht Hösle darin auf Allens Filmfigur Zelig ein - ein "Typ der Unehrlichkeit", der, wie Hösle weiß, "unter Intellektuellen so verbreitet ist". Zelig ist ein Chamäleonmensch von erstaunlich adaptiven Fähigkeiten, der sich zwanghaft jedem Umfeld mimetisch anpasst, selbst, wenn es die Hautfarbe ist. Seine Fähigkeiten zeigten sich erstmals - dieses Beispiel muss dem Büchermenschen Hösle besonders bemerkenswert erscheinen -, als er auf die Frage, ob er Melville gelesen habe, dies, obwohl unwahr, bejaht und damit durchkommt.

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