Verwechslung : Verlorene Söhne

Der saudische Yakup und der türkische Ali wurden bei der Geburt vertauscht. Ihre Familien streiten, ob die Jungen zu ihren leiblichen Eltern zurückdürfen.

Susanne Güsten

Als Yusuf Cüce das neugeborene Kind in der Entbindungsstation sah, erlebte er einen Augenblick, vor dem sich jeder werdende Vater fürchtet. „Eine Stimme in mir sagte: ,Das ist nicht dein Kind’“, erinnert sich der 37-jährige Türke heute, vier Jahre nach der Geburt. Der kleine Yakup, den Cüces Frau Funda in einer Klinik in Saudi-Arabien zur Welt gebracht hatte, schien ihm so fremd. Cüce fragte die Ärzte in dem Krankenhaus in der saudischen Stadt Nejran, wo er damals als Autoelektriker arbeitete, doch die scheuchten ihn weg. Er solle sich was schämen, sagte einer. Jetzt weiß Cüce, dass ihn sein Gefühl nicht trog. Sein leibliches Kind landete damals nach einer Verwechslung durch das Krankenhauspersonal bei einem saudischen Ehepaar und heißt Ali.

Doch das wusste lange Zeit niemand. Kurz nach der Geburt von Yakup hatten die Cüces Saudi-Arabien verlassen und waren in ihre Heimat in der südtürkischen Provinz Hatay zurückgekehrt. Yusuf und Funda begannen ihr Familienleben mit Yakup und ihren beiden anderen, vor Yakup geborenen Kindern, doch Freunde und Verwandte hörten nicht auf zu sticheln: „Der Junge sieht kein bisschen aus wie ihr“, bekam das Ehepaar immer wieder zu hören. Vor einem halben Jahr unterzogen sich Yusuf und Funda schließlich DNA-Tests. Das Ergebnis: Yakup ist nicht ihr leiblicher Sohn. Nachdem sie ihren ersten Schock überwunden hatten, machten sich die Cüces auf die Suche nach ihrem wirklichen Kind und reisten mit Yakup erneut nach Saudi-Arabien. Die dortigen Behörden leiteten eine Untersuchung ein, die sich schließlich auf die Familie von Muhammed El Müncem konzentrierte, dessen Frau zur selben Zeit und im selben Krankenhaus wie Funda Cüce einen Sohn zur Welt gebracht hatte. Müncem weigerte sich zunächst, bei sich und seiner Frau einen DNA-Test machen zu lassen, beugte sich dann aber dem Druck des Gouverneurs.

Nun haben die Tests in Saudi-Arabien die Verwechslung einwandfrei bewiesen, wie die türkische Presse meldete: Ali gehört zum türkischen Ehepaar Cüce, Yakup zur saudischen Familie Müncem. Zunächst setzte Yusuf Cüce alles daran, den kleinen Ali in die Türkei zu holen – und Yakup zu seinen leiblichen Eltern nach Saudi-Arabien zu geben. Seine Frau begann schon damit, dem Vierjährigen, der bisher nur Türkisch spricht, ein paar Brocken Arabisch beizubringen. Doch es gibt Probleme. Die Müncems wollen Ali nicht hergeben und ziehen vor Gericht. Die 27-jährige Funda Cüce freut sich auf Ali, bricht aber bei dem Gedanken an einen Abschied von Yakup in Tränen aus, wie sie einer türkischen Zeitung sagte. Und Yakup gefiel seine mögliche neue Heimat Saudi-Arabien nicht. Der Junge habe auf der Reise immer wieder gefragt, wann die Familie nach Hause fahren werde, berichtete die Zeitung „Vatan“. Er vermisse seine türkischen Tanten.

Experten warnen vor schweren psychologischen Schäden für die Jungen. „Vatan“ zitierte Psychologen mit der Aussage, für die Kinder spiele die tatsächliche Familienzugehörigkeit derzeit überhaupt keine Rolle. Eine Rückkehr zur „richtigen“ Familie sei unter diesen Umständen ein traumatisches Erlebnis und so, als ob man das Kind plötzlich zu Fremden geben würde.

In Tschechien, wo es eine ähnliche Kinderverwechslung gegeben hat, denken die zwei betroffenen Familien daran, in ein gemeinsames Haus zu ziehen. Ob das auch eine Lösung für Yakup und Ali sein könnte, ist noch unklar. Die türkische Botschaft in Riad will sich um eine Zusammenkunft der Familien Cüce und Müncem bemühen, die sich bisher noch nicht kennen. Dabei werden sich auch Yakup und Ali zum ersten Mal sehen. Derzeit warten die Cüces in Nejran auf grünes Licht für das Treffen. Yusuf Cüce besteht inzwischen nicht mehr auf einem Rücktausch der Kinder, sondern kann sich eine Lösung wie bei der Verwechslung in Tschechien vorstellen. Beide Familien sollten zusammen wohnen, damit Kinder und Eltern gemeinsam leben könnten, sagte er einer Zeitung. „Wir müssen entscheiden, in welchem Land das sein soll.“

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