Welt : Verzaubernd und ein wenig abgeklärt

Matthias Thibaut

Eigentlich ist er ein cooler Typ, aber ein bisschen Nervenflattern muss man auf dem Weg zum Ruhm schon durchstehen. "Ich bin fast gelähmt vor Aufregung. Das ist mir noch nie passiert", erklärte der 12-jährige Daniel Radcliffe letztes Wochenende, als Hunderte von Fans ihm vor dem Premierenkino am Leicester Square in London zujubelten. "Es ist richtig surreal, wie sie alle meinen Namen rufen." Rote Backen hatte er bei seinem ersten Auftritt als Weltstar.

Nun ist wieder Ruhe. Daniel, geboren am 31. 7. 1989, muss wieder auf die Schule gehen. Im englischen Filmstudio Leavesden wurde die Zauberschule Hogwarts aufgebaut, und die Dreharbeiten für "Harry Potter und die Kammer des Schreckens" haben begonnen. Doch zwischen dem Filmen müssen die Zauberschüler mindestens drei Stunden Unterricht pro Tag haben, das verlangt das Gesetz - und zwar Fächer wie Französisch oder Mathe. Die Dreharbeiten seien toll, aber auch ganz schön hart, erzählt Ron-Weasley-Schauspieler Rupert Grint. "Zum Beispiel, wenn wir wissen, dass sie vor dem Klassenzimmer filmen und wir am liebsten draußen dabei wären."

Die drei Potter-Helden - Daniel, Rupert und Emma Watson, die altkluge Hermione - sind gute Freunde geworden. Ganz wie die Figuren im Buch. Daniel berichtet dies in einem seiner ersten Fernsehinterviews noch etwas zögernd, auch wenn man merkt, dass er mit seiner Publicity-Betreuerin ein bisschen vorgeübt hat. "Ron ist sehr lustig, Hermione ist sehr intelligent und ich bin so dazwischen."

Dass er "so dazwischen" ist, macht Daniel Radcliffe zum idealen Harry Potter. Er ist ein Kind und hat doch ein irgendwie abgeklärtes Gesicht. Er tollt mit Gameboy und Wasserpistole auf den Filmsets herum, sieht, wie jeder normale englische Schuljunge, im Fernsehen die Simpsons und die Ringkämpfe der World Wrestling Federation. Aber er weiß, "dass Harry irgendwie etwas Mysteriöses an sich hat" und bringt diese rätselhafte Bekanntschaft mit den dunklen Mächten auf den Bildschirm. Wie in der Szene im letzten Gewölbe in "Harry Potter und der Stein der Weisen". "Das war die härteste. Es war unheimlich intensiv. Ich musste mich wirklich konzentrieren."

Kein unbeschriebenes Blatt

Ursprünglich hatten die Potter-Bücher keinen Eindruck auf den jungen Daniel gemacht. "Ich fand es schwer, den Einstieg zu finden", plauderte er zum Entsetzen der Warner Brother Publicity. Abhilfe schaffte intensive Gemeinschaftslektüre mit Vater Alan, einem Literaturagenten, der sich nun hauptberuflich um die Filmkarriere des Sprösslings kümmert. Schließlich gibt es auch ein bisschen Geld zu verwalten: Über 1 Million Pfund (über 3 Millionen DM) soll Daniel nun pro Film verdienen, berichten die englischen Branchenblätter - nachdem die Schauspielergewerkschaft Equity sich schützend vor das Jungmitglied stellte. Nach seinem ersten Vertrag hätte Daniel für den ersten Film gerade 75 000 Pfund erhalten sollen.

Ein ganz unbeschriebenes Blatt ist er nicht. Fürs BBC-Fernsehen spielte er den David Copperfield und in diesem Jahr lief sein erster Kinofilm an - "Der Schneider von Panama" von John Boorman, wo er den Sohn von Pierce Brosnan spielt. Nicht zu vergessen seine 40-Sekunden Rolle als Sechsjähriger in einem Schulstück. "Wirklich peinlich. Ich musste sogar Strumpfhosen tragen". Regisseur Chris Columbus und Filmproduzent David Heyman wussten nichts von dieser schillernden Karriere, als sie fast ein Jahr vergeblich nach dem richtigen Harry suchten. Geschlossene Schulklassen standen Schlange, um vorzusprechen - Daniel Radcliffe versuchte es erst gar nicht. "Tausende wollten die Rolle, warum sollte ich sie kriegen?"

Dann sah Heyman das Copperfield Video und wusste, dass er am Ziel war. Die Filmmacher gingen in London ins Theater und, wie es der Zufall will, saß da vor ihnen Daniel Radcliffe. "Genau, was wir suchten. Eine alte Seele mit der Lebhaftigkeit der Jugend. Und Augen, die begeisterungsfähig, neugierig und voller Leben waren", so Heyman. Natürlich hilft bei solchen Zufällen, wenn die Mutter als Casting Director die Theaterwelt in- und auswendig kennt. Es war spät abends, als Daniel erfuhr, dass er die Rolle bekommen würde. "Ich habe ein wenig geweint. Dann bin ich noch ein bisschen aufgeblieben und habe fern geguckt."

Buchautorin J.K.Rowling wusste gleich, dass Daniel die Harry-Rolle in die Wiege gelegt war, bevor sie selbst an ihrem Edinburgher Küchentisch zum Bleistift griff. "Er ist wie mein lange verlorener Sohn", soll sie gesagt haben, als sie die ersten Probeaufnahmen von Daniel sah. Nun muss man nur noch die berühmte Narbe aufmalen, um aus Daniel Harry zu machen. Sieben Harry-Potter-Bücher hat Rowling geplant und sie allein weiß, welche Abenteuer noch auf Harry warten, der von Buch zu Buch älter wird und immer tiefer in den Kampf gegen die bösen Mächte hineingezogen wird. Wie weit wird Daniel Radcliffe dem Buchhelden auf diesem Weg folgen? Radcliffe ist für zwei Filme unter Vertrag und hat Optionen für fünf weitere. Er könnte also sein ganzes Teenager Leben als Harry verbringen. Doch damit belastet er sich noch nicht. Erst einmal muss er in "Harry Potter und die Kammer des Schreckens" das Ungeheuer Basilisk töten. Radcliffe: "Darauf freue ich mich schon".

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