• Viele Asylbewerber trauen sich nach ausländerfeindlichen Übergriffen nicht mehr in das Zentrum der Stadt

Welt : Viele Asylbewerber trauen sich nach ausländerfeindlichen Übergriffen nicht mehr in das Zentrum der Stadt

Claus-Dieter Steyer

Erst mit einem Brief an die örtliche Polizei gelang es zwei Afrikanern, die Behörden wachzurütteln - "Wir wollen nur respektiert werden"Claus-Dieter Steyer

Khalid Mahmood kann seit fünf Wochen nur noch flüssige Nahrung zu sich nehmen. Für das Abbeißen und Kauen fehlen ihm seit der Silvesternacht mehrere Zähne. Sie sind ihm auf dem Nachhauseweg von einer Disko im Zentrum von Rathenow von einer Gruppe orstansässiger Jugendlicher ausgeschlagen worden - wegen seines Aussehens. Der 24-jährige Mahmood kommt aus Pakistan, hat in Deutschland vor drei Monaten um Asyl gebeten und lebt seit drei Monaten im Übergangsheim Birkenweg in der nordwestbrandenburgischen Kleinstadt. Fünf Tage lag der Pakistani mit schweren Verletzungen im Krankenhaus. Niemand kümmerte sich seitdem um sein Schicksal - niemand von der Stadtverwaltung, kein Mitarbeiter der im Ort ansässigen Kreisverwaltung, keine Ausländerbeauftragte, kein Kirchenmann, keine Kirchenfrau - niemand. Bis vorgestern. Da stürmten alle auf den verschüchterten Mann ein, klopften ihm auf die Schulter und boten Hilfe bei der Vermittlung eines Zahnarztes und bei der Bezahlung der auf 1400 Mark geschätzten Rechnung an. Ein Brief an die örtliche Polizei wirkte scheinbar Wunder.

"Warum mussten wir denn erst auf so eine Weise auf unser Schicksal aufmerksam machen?" fragt Mahmood in fast perfektem Englisch. "Was ist los mit Euch Deutschen?" Er schüttelt den Kopf und schämt sich für seine demolierten Zähne. Christopher Nsoh aus Kamerun nimmt ihn zur Seite und tröstet ihn. Der Afrikaner gehört zu den Initiatoren des am vergangenen Freitag veröffentlichten Briefes, in dem sie rassistische Angriffe auf ihr Leib und Leben beklagten. Die verantwortlichen Behörden im Land Brandenburg hätten dennoch nichts unternommen. "Leider ist in vielen Medien nur der eine Satz in den Mittelpunkt gerückt worden, dass wir unbedingt aus Brandenburg weg wollten", sagt der 34-jährige Nsoh. "Doch das wollen wir nur, wenn die Einwohner uns nicht respektieren und die Genfer Flüchtlingskonvention nicht eingehalten wird." Auf keinen Fall wollten sie alle Deutschen, alle Rathenower damit vor den Kopf stoßen. Doch die Stadt befindet sich seit dem bisher beispiellosen Memorandum von 47 Asylbewerbern in heller Aufregung. Bürgermeister und Ausländerbeauftragte unterhalten sich stundenlang im Heim, die Kirche und ehrenamtliche Hilfsorganisationen schicken Mitarbeiter vorbei und Polizisten sitzen Tag und Nacht in ihren Streifenwagen vor dem Häuserblock in der Nähe des Bahnhofes. Sie rechnen offenbar mit dem Schlimmsten, nachdem ein anonymer Anrufer der Heimleiterin gedroht hatte, das Haus in der Nacht zum Sonnabend abzufackeln. Für kommenden Freitag hat der Landrat zu einem Runden Tisch eingeladen.

Der verletzte Pakistani lässt sich von solchen Beschwichtigungen nicht umstimmen: "Ich will weg von hier, an einen sicheren Ort. Ich kann nicht in die Stadt, denn dort warten die Nazis. Ich kann seit dem Überfall überhaupt nicht mehr einschlafen." Er wolle manchmal nur etwas frische Luft vor dem Heim schnappen, doch dann kehre er auf der Treppe wieder um.

Doch selbst diejenigen, die nicht Opfer von Gewalt wurden, wollen fort. "Wir können hier nicht als normale Menschen leben, wenn wir ständig als Schwarze und Ausländer beschimpft werden", sagt ein Mann aus dem Tschad. "Es sind nicht alle Rathenower schlecht, aber einige machen uns hier das Leben zur Hölle." Ein immer wieder zu hörender Satz macht die Heimbewohner nachdenklich: Sie sollten sich gefälligst dort hinscheren, von wo sie hergekommen seien.

"Vielleicht sind wir auch schon ein bisschen durchgedreht", sagt der vor der politischen Verfolgung aus Kamerun geflüchtete Christopher Nsoh. "Wir leben zu viert in einem 21 Quadratmeter großen Zimmer mit Küche. Als Asylbewerber dürfen nicht arbeiten. Und wenn wir hier rausgehen, werden wir beleidigt." Er holt ein Blatt mit einer eigenen Statistik hervor. Alle dreieinhalb Monate müsse ein Heimbewohner in psychologische oder psychiatrischeBehandlung, sagt Nsoh.

Die Heimleiterin Pagel, die ihren Vornamen nicht in der Zeitung lesen will, lobt dagegen das "gute Miteinander" in dem mit 169 Asylbewerbern aus 23 Nationen etwas überfülltem Haus. "Der Brief an die Polizei war ein Hilfeschrei an die Stadt. Hier muss sich einiges ändern", sagt die Frau. "Die Heimbewohner haben ganz einfach Angst."

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