Welt : „Vielleicht dachte er, das wird ein Spiel“

Magnus G. gibt die Entführung und Tötung Jakob von Metzlers zu – sein Tod soll aber nicht geplant gewesen sein

Karin Ceballos Betancur

Es gibt eine kurze Variante der Geschichte, die nackte Chronik eines furchtbaren Verbrechens. Sie handelt von einem Jurastudenten, der über seine Verhältnisse lebte, einem jungen Mann aus bürgerlichem Elternhaus, der sich ein Podest aus Lügen schuf, um in die Welt seiner wohlhabenden Freunde aufzusteigen. Als das angesparte Geld knapp wurde und der Boden unter seinen Füßen ins Wanken geriet, entführte und tötete er einen Jungen, um mit dem Lösegeld seinen Lebensstandard und seine Freunde halten zu können. Fazit: Ein Kind musste sterben, damit ein Mann ein Leben auf großem Fuß führen konnte. Doch es gibt eine Steigerung des Entsetzens, einen tragischen Superlativ, den diese Geschichte in dem erfährt, was der Jurastudent am Freitag vor dem Frankfurter Oberlandesgericht erzählt. „Wir haben Zeit“, sagt der Vorsitzende Richter Hans Bachl, bevor er Magnus G., dem mutmaßlichen Mörder Jakob von Metzlers, das Wort erteilt.

Der junge Mann mit dem schmalen blassen Gesicht nestelt an der Tischhalterung des Mikrofons, erzählt von Kindergarten, Grundschule und Gymnasium, wo er die siebte Klasse freiwillig wiederholte, wegen „Problemen mit den Mitschülern“. Er sei ein leichtes Opfer gewesen, sagt er, das oft in Tränen ausbrach.

Nach dem Abitur habe er den Kriegsdienst verweigert. „Ich bin kein aggressiver oder gewalttätiger Mensch, eigentlich verachte ich jede Form von Gewalt“. Magnus G. weiß um die Wirkung dieser Worte, leitet seine Sätze an diesem Nachmittag häufig mit den Worten ein, „das klingt jetzt vielleicht merkwürdig im Nachhinein“. Seine Stimme wirkt fester als am ersten Verhandlungstag, als er mit Nachdruck darauf hinweist, seine Mutter sei ein „ganz, ganz lieber, selbstloser, gefühlvoller Mensch“ gewesen.

Auf Nachfrage des Richters räumt er Neid- und Schuldgefühle seinen Freunden gegenüber ein, die mehr Taschengeld als er bekamen, doch sein Leben blieb in der anerzogenen Bahn. Magnus G. jobbte im Supermarkt, verteilte Prospekte. Mit 16 Jahren schloss er einen Bausparvertrag ab, um irgendwann auf eigenen Füßen stehen zu können, bescheidene Ambitionen, bis er Freunde kennen lernte, die ihre Ferien auf dem Anwesen ihrer Eltern auf Ibiza verbrachten, mit „von“ im Namen, ohne finanzielle Sorgen.

Magnus G. beschreibt sich als unsicheren, schüchternen Menschen, doch sein Auftritt macht die Selbstcharakterisierung fast überflüssig. Er habe wenig Freunde gehabt, sagt er. „Wenn ich jemanden so zum Reden gehabt hätte wie meinen Verteidiger, wäre das sicher alles nicht passiert.“ Rechtsanwalt Hans Ulrich Endres schlägt die Hände vors Gesicht, verbirgt minutenlang die Augen. Magnus G. sagt, er habe sich im „Ibizakreis“ zum ersten Mal anerkannt gefühlt, selbstsicher, hatte zum ersten Mal eine feste Freundin, „die Liebe meines Lebens“. Der Angeklagte weint, wenn er von dem elf Jahre jüngeren Mädchen spricht. Er hatte beschlossen, nie mehr in seine alte Welt aus Bausparverträgen und Supermarktjobs zurückzukehren, nie mehr der schüchterne Junge ohne Freunde zu sein, koste es, was es wolle.

Die Tat, in seiner Wohnung. Als er Jakob den Klebestreifen über den Mund klebte, habe der Junge ihn fragend angesehen. „Vielleicht dachte er, das wird ein Spiel.“ Er habe ihn mit „sanfter Gewalt“ auf den Boden gelegt, „das ging ja auch einfach, er war ja ein Kind“. Magnus G. atmet laut aus. „Dann habe ich zu ihm gesagt: Jakob, es wird ernst, du musst keine Angst haben, aber du darfst nicht schreien.“

Der Junge habe sich gewunden, versuchte, sich von seinen Fesseln zu befreien. „In meinem Plan war vorgesehen, dass Ruhe ist, ich wusste nicht, was ich tun soll, ich musste Ruhe haben.“ In seinen Erinnerungen an die folgenden Minuten sehe er sich von oben, sagt Magnus G., wie von einer Kamera an der Zimmerdecke gefilmt. Er habe Jakob einen längeren Klebestreifen über den Mund geklebt. Einen zweiten auf seine Nase. Und die Hand auf das Gesicht des Kindes gedrückt. Ihre Köpfe lagen nebeneinander am Boden. „Dann“, sagt Magnus G., „ist es ruhig geworden“.

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