• Vier Millionen Mark im Fall Cavalese - lediglich die Bestattungskosten im Fall Ramstein

Welt : Vier Millionen Mark im Fall Cavalese - lediglich die Bestattungskosten im Fall Ramstein

Werner Raith

Die beteiligten Nationen waren dieselben im einen wie im anderen Fall - Amerikaner, Italiener, Deutsche; Verursacher des Unglücks im einen wie im anderen Fall Militärflugzeuge; und es gab, hier wie dort, viele Tote, 20 im einen, mindestens 70 im anderen Fall. Und doch steht am Ende des einen Desasters eine anständige Entschädigung für die Familien der Getöteten, im anderen ein geradezu unmenschliches Feilschen und Abrechnen mit minimalem Schadensersatzes.

Am Mittwoch haben sich die amerikanische und italienische Regierung einerseits, und die Angehörigen des Seilbahnunglücks von Cermis in Oberitalien verglichen: Dort hatte im Febraur 1998 ein amerikanisches Flugzeug vom Typ EA-6B Prowler bei einem Übungsflug die Seile einer Gondelbahn durchgerissen; 19 Passagiere (mehrheitlich Italiener, aber auch sieben Deutsche) und der Gondelführer starben. Nach der Einigung mit den amerikanischen und italienischen Behörden erhält jede der betroffenen Familien eine Zahlung vom umgerechnet vier Millionen DM - wofür die anhängigen Zivilklagen gegen die US-Regierung zurückgezogen werden.

Der Vergleich fand statt, obwohl ein US-Militärgericht die Piloten des viersitzigen Flugzeugs ebenso wie Bodenführer des - nach den NATO-Regeln eindeutig unzulässigen - Tiefflugs im Skigebiet von jeder Schuld freigesprochen hatte. Lediglich ein Besatzungsmitglied bekam sechs Monate Haft und wurde aus der Armee ausgestoßen - nicht wegen des Desasters, sondern weil er die Aufzeichnungsbänder des Fluges vernichtet hatte.

Vielen kommt da ein anderen zwölf Jahre zurückliegendes Unglück in Erinnerung: jenes der italienischen Kunstflugstaffel "Frecce Tricolori", die bei einer Flugshow über der US-Airbase in rheinland-pfälzischen Ramstein ineinander gerast waren und wie ein Feuerball auf die Zuschauer gestürzt waren. Hier kam es bei der Frage der Entschädigung zu geradezu absurden bürokratischen Aufrechnungen und Verweigerungen: so erhielten viele Familien gerade mal die Beerdigungskosten erstattet, sofern sie nicht nachweisen konnten, daß sie finanziell von dem Getöteten abhingen. Einer Witwe, deren 25-jähriger Sohn umgekommen war, knappsten die Behörden sogar von den 16 000 DM Bestattungskosten noch 4000 DM ab - weil sie herausgefunden hatte, daß man in dieser Höhe die Steiger-Krankenkasse des jungen Mannes heranziehen könnte.

Die italienische Regierung, deren Piloten die Katastrophe verursacht hatten, beriefen sich auf deutsches Recht, wonach niemand am Tod eines anderen verdienen dürfe - als ob die Vernichtung des Lebens überhaupt jemals aufgewogen werden könnte. Diesmal aber, wo Amerikaner auf italienischem Territorium das Unglück provoziert hatten, hielten sich die Italiener lieber an das in Entschädigungsfragen wesentlich großzügigere amerikanische Recht. Wobei der italienische Staat, wo sich der tragische Unfall ereignete, allerdings 25 Prozent der Schadenssumme - also 500 000 DM pro Familie - aufbringen muß, dies sieht das NATO-Truppenstatut vor. Die USA zahlen 75 Prozent der Gesamtsumme von 40 Millionen Dollar.

Den Ramstein-Hinterbliebenen aber wurde insgesamt nicht einmal ein Teil dieser Summe zugestanden.

Für Rechtsanwälte wie Elmar Giemulla, der derzeit beim deutschen Amt für Verteidigungslasten ein Nach-Entschädigungsverfahren wegen zahlreicher, erst im nachhinein sichtbarer psychischer Folgelasten des Ramstein-Desasters vorantreibt, ist sowieso "die gesamte Philosophie des Entschädigungsrechts in Deutschland und auch in der internationalen Beziehungen zu revidieren" - nach dem Vergleich von Cermis wohl ein Anliegen, das auch nicht mehr weiter aufgeschoben werden kann.

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