Welt : Vier Puppen für die Ewigkeit

Nach 14-jähriger Pop-Abstinenz kehren die Bangels mit „Doll Revolution“ auf die Bühne zurück. Am Dienstag startet die Tournee

Sassan Niasseri

Es ist bestimmt nicht so, dass man Susanna Hoffs ihr Alter ansieht. Man könnte sie durchaus für die große Schwester von Rock-Göre Avril Lavigne halten. Anfang vergangenen Jahres tourte Hoffs mit ihrer Band in kleinen Clubs durch die USA und sang ihre früheren Hits. Das laszive „In your Room“ gerät zum Höhepunkt, männliche Zuschauer bekommen dabei regelmäßig Herzflattern: „If you let me stay, I`ll teach you everything a boy should know“. Und da oben stand sie dann, zierlich, verführerisch, die braunen Kulleraugen größer mit jedem Wimpernschlag. So wie eines dieser neumodischen, den Jungs in den Hintern tretenden Pop-Girlies, die heute die Charts dominieren.

Tatsächlich aber ist Hoffs ein echtes Pop-Fossil: Mitte vierzig, zweifache Mutter, schwerlich im trendigen Alter. Ebenso wie ihre Band „The Bangles“: Eine Girlband der Achtziger, deren melodiösen Sixties-Beat man zwar gerne mittrommelte, über deren Verschwinden aus dem Musikgeschäft aber 14 Jahre lang keiner so richtig traurig gewesen ist. Hoffs turmhoch gesprayten Frisuren und der – animalische Unbändigkeit signalisierende – Zebra-Look bleiben noch die deutlichste Erinnerung an ihre große, aber kurzlebige Karriere in einem hässlichen Jahrzehnt.

Jetzt kündigt das Quartett aus Los Angeles ihr Comeback mit einem neuen Album an, das den aufmüpfigen Titel „Doll Revolution“ („Revolution der Puppen“) trägt. Und hat damit beste Chancen auf eine geglückte Rückkehr. Im angesagten Achtziger Jahre-Revival dürfte die optisch kaum gealterte Hoffs mit den „Bangles“ wieder an den Ruhm früherer Tage anknüpfen – besonders in Deutschland. Hier ist die 80ies- Manie, mitsamt ihrer nostalgischen Achtziger-Themensendungen und der Retro-Mode noch ausgeprägter als anderswo.

Auch deshalb feierten die Bangles gerade bei „Wetten Dass…?“ seit langer Zeit wieder einen TV-Auftritt in Europa. Dass die babyspeckige Girlgroup „Atomic Kitten“ vor einiger Zeit mit einer Dancepop-Version des Bangles-Klassikers „Eternal Flame“ reüssierte, verdeutlicht den Vorbildcharakter der Bangles als wohl dienstälteste Mädchenband der Welt. Doch wäre es nur verdient, wenn den schönen Damen die Rückkehr auch aus musikalischen Gründen gelingt: „Doll Revolution“ versprüht den Rock’n’Roll-Charme früherer College-Tage, enthält schöne Chor-Harmonien, und die meisten Songs, wie die Single „Something that you said“, drehen sich wie früher um Herzschmerz und das Gefühl von Schmetterlingen im Bauch.

„Mit hysterischen Barbies wie Britney Spears“, verkündete eine selbstbewusste Hoffs unlängst in einem Interview, „können wir es immer noch locker aufnehmen“. Die demonstrativ zur Schau gestellte Einigkeit ist Pflicht. Kam es doch deshalb im Streit zur Bandauflösung, weil die hübsche Frontsängerin die alleinige Aufmerksamkeit der Medien genoss. Obwohl alle vier Bangles singen, wurden Hoffs damals die besseren Single-Auskopplungen gesichert und in den Videoclips erhielt sie eine exponierte Stellung. „Solche Imagespielchen machen wir heute nicht mehr mit“, stellt sie beharrlich klar. „Uns kommandiert man nicht mehr herum.“ Ganz im Gegensatz zu früher.

„Girl Power“ skandierten die Medien damals lautstark, doch obwohl Hoffs, Michael Steele, Vickie und Debbie Peterson mit ihrem Erfolg als weibliche Gitarrenband Pionierarbeit in der Männerdomäne Rock`n` Roll leisteten, hatten die Vier in ihrer Karriereplanung herzlich wenig mitzureden. Die Plattenbosse hatten eigene Pläne: eine Outfit-Änderung hier, ein paar zusätzliche Studiomusiker dort, und auch die Songtexte wurden gründlich überarbeitet. Es ist ein bitter erkämpfter Sieg, dass die Bangles erst auf ihrem dritten und letzten Album „Everything“ auf allen Songs ihre Instrumente selbst spielen durften. Ironischerweise sollte es ihr bestes Album werden, es enthielt die allseits bekannte Liebesschnulze „Eternal Flame“- „Ewige Flamme“. Doch zu diesem Zeitpunkt war das Feuer in der Band schon längst erloschen.

Nach der Trennung 1989 probierten die Musikerinnen sich erfolglos an neuen Bandprojekten. Hoffs veröffentlichte zwei unbeachtete Soloalben, zog sich aus der Musikszene zurück, gründete eine Familie. Aber Ende der Neunziger Jahre, rekapituliert Hoffs heute, fing sie wieder an, die Musik und ihre verzankten Kolleginnen von den „Bangles“ zu vermissen. Hoffs arrangierte ein klärendes Gespräch, wenig später war die Gemeinschaft wiederhergestellt. Abgebrühter gegenüber dem Musikgeschäft und nicht mehr so scharf darauf, die Welt zu erobern, haben sie sich nun also zusammengerauft. Dass jüngere Musikfans sich ihre weiblichen Vorbilder inzwischen woanders suchen, stört die vier Mitvierziger kaum.

Die Bangles spielen am Dienstag, den 8. April im Columbia Fritz in Berlin.

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