Vierte Reinigungsstufe in Kläranlagen : Arzneimittelrückstände im Abwasser

In fast allen Gewässern werden Rückstände von Arzneimitteln gefunden. Welches Risiko sie bergen, wird derzeit noch erforscht. Grenzwerte fehlen.

von
Spurenstoffe werden Arzneimittelrückstände im Abwasser genannt.
Spurenstoffe werden Arzneimittelrückstände im Abwasser genannt.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Eigentlich sollte das Thema Nitrate im Grundwasser mit der sogenannten dritten Reinigungsstufe der Klärwerke erledigt sein. Mit dieser Reinigungsstufe werden Nährstoffe wie eben Stickstoff und Phosphate aus dem Abwasser herausgefiltert. Dennoch kann keine Rede davon sein, dass die Nitratprobleme damit bewältigt sind. Erst vor wenigen Wochen haben das Umweltbundesamt und der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) umfangreiche Stickstoffgutachten vorgelegt, die Antworten auf die Frage suchten, wie das Stickstoffproblem in der Umwelt weiter angegangen werden kann. Der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) sieht bei den beiden Nährstoffen Stickstoff und Phosphate die planetaren Grenzen überschritten. Der Stickstoffkreislauf gilt schon seit den 1970er Jahren als gestört. Und Phosphat ist ein endlicher Rohstoff, der aber als Dünger für die Welternährung von strategischer Bedeutung ist.

In wenigen Kläranlagen in Deutschland werden die Phosphate nicht nur aus dem Abwasser entfernt, sondern zurückgewonnen. Im baden-württembergischen Offenburg und im bayerischen Nürnberg ist das beispielsweise schon der Fall. In Berlin werden nach Angaben von Bodo Weigert, dem Sprecher des Kompetenzzentrums Wasser Berlin, lediglich „1,4 Prozent des Phosphorpotenzials aus dem Abwasserstrom als Wertstoff zurückgewonnen“. Das dafür in Berlin entwickelte Verfahren heißt Struvitfällung. Das so erzeugte Produkt ist ein mittlerweile zugelassener Dünger, der als „Berliner Pflanze“ vertrieben wird. In einer Studie hat das Kompetenzzentrum im vergangenen Jahr nachgewiesen, dass das Rückgewinnungspotenzial bedeutend höher wäre.

Phosphor ist eine endliche Ressource

Das Problem gewinnt aber langsam auch international an Aufmerksamkeit. In Deutschland gibt es seit kurzem eine Phosphor-Plattform, in der sich Wissenschaftler und Praktiker darüber austauschen, wie der Phosphor wieder gewonnen und weiter verwendet werden kann. Auf EU-Ebene gibt es eine ähnliche Plattform inzwischen auch.

Mit Blick auf die Wasserrahmenrichtlinie, die bis 2015 eigentlich vorschreibt, dass in der Europäischen Union in Flüssen und Seen ein „guter Wasserzustand“ erreicht sein soll, auch mit Blick auf mögliche Gesundheitsrisiken denken die Wasseringenieure aber bereits weiter. Im Herbst 2014 legte die baden-württembergische Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz (LUBW) ein „Spurenstoffinventar der Fließgewässer“ vor, bei dem 17 Bäche und Flüsse sowie sechs Kläranlagen auf 86 Stoffe getestet worden sind. Diese Arbeit hat überregionale Bedeutung, weil die geklärten Abwässer im ganzen Land ähnlich zusammengesetzt sind. Unter Spurenstoffen werden beispielsweise Arzneimittelrückstände verstanden. Und diesen Spurenstoffen soll womöglich mit einer vierten Reinigungsstufe in den Kläranlagen zu Leibe gerückt werden.

Spurenstoffe als Risiko

Es ist allerdings nicht ganz einfach zu entscheiden, welche dieser Stoffe die problematischsten sind. Die EU-Kommission hat angekündigt, im Herbst 2015 einen Vorschlag zu erarbeiten, wie die Verschmutzung der Gewässer durch pharmazeutische Stoffe vermieden oder bekämpft werden könnte. Auf Bundesebene werden vor allem im Umweltbundesamt (UBA) Untersuchungen über die Wirkung verschiedener Arzneimittelrückstände in den Gewässern angestellt oder entsprechende Gutachten vergeben. Was viel Aufregung verursacht hat, sind die sogenannten endokrinen Disruptoren, also Stoffe, die ins Hormonsystem von Lebewesen eingreifen können. Die Rückstände der Anti-Babypillen, die viele Frauen schlucken, landen in der Kanalisation und über die Kläranlagen, die sie nicht beseitigen können, in den Flüssen und Seen. Untersuchungen auch von Berliner Forschern haben ergeben, dass es diese Hormonrückstände Fischen schwer machen können, sich fortzupflanzen. Bei Amphibien führt das Überangebot weiblicher Hormone sogar dazu, dass sich deutlich mehr Weibchen als Männchen ausbilden. Auch für sie hat das Folgen, wenn es um die Fortpflanzung geht. Das UBA hat deshalb auch Studien angestoßen, die untersuchen wie sich das Vorhandensein solcher Hormone oder hormonell wirksamer Chemikalien auf die männliche Fortpflanzungsfähigkeit beim Menschen auswirkt. Nicht gut, wie es scheint. Doch was genau die männliche Fortpflanzungsschwäche auslöst, ist unter Forschern noch umstritten. Auch die Europäische Union hat sich mit endokrinen Disruptoren beschäftigt und arbeitet gerade an einem Regelungsvorschlag.

Arzneimittelrückstände im Abwasser

Doch das sind nicht die einzigen Arzneimittel, die im Abwasser und in Flüssen zu finden sind. Auch Röntgenkontrastmittel gehören zu den problematischen Stoffen. In Baden-Württemberg wurden jedenfalls flächendeckend Arzneimittelrückstände gefunden. Genau damit beschäftigte sich auch das Forschungsprogramm Askuris, an dem federführend die Technische Universität Berlin beteiligt war. Professor Martin Jekel berichtet, dass in dem gerade zu Ende gehenden Forschungsprojekt getestet wurde, ob das Schmerzmittel Diclofenac durch die Zugabe von Ozon, einer aggressiven Sauerstoffverbindung, oder den Einsatz von Aktivkohle als weiterem Filter aus dem Wasser entfernt werden kann. Es geht offenbar beides. Allerdings haben die Forscher festgestellt, dass das der Ausnahmefall ist. Ozon beseitigt andere Schadstoffe als Aktivkohle. Aber beides wäre als „Instrumentarium für die Vorsorge“ einsetzbar, sagt Jekel. Denn klar ist eines: In einer alternden Gesellschaft ist damit zu rechnen, dass in Zukunft noch mehr Arzneien verschrieben werden. Einige Wirkstoffe verlassen den menschlichen Körper mit den Ausscheidungen und landen auf jeden Fall in der Kanalisation. Andere landen deshalb dort, weil Arzneimittel in Haushalten oft nicht richtig entsorgt werden. Da landen dann Tropfen oder Säfte, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist, im Spülbecken oder Tabletten in der Toilette oder im Hausmüll. Eigentlich müssten Arzneimittel bei den Recyclinghöfen in Berlin abgeliefert werden. Einige Apotheken bieten auch eine Rücknahmeservice an.

Vorläufig wissen Forscher und Praktiker aber noch nicht, gegen welche Schadstoffe sie in naher Zukunft eine Lösung finden sollen. Das muss „der Gesetzgeber entscheiden“, sagt Jekel. Bei vielen Spurenstoffen gibt es derzeit noch kein gesichertes Wissen über ihre Schädlichkeit. Bei manchen Stoffen ist bekannt, dass sie für Menschen oder Ökosysteme problematisch sein können. Bei anderen Stoffen ist zwar klar, dass sie in den Gewässern gefunden werden, unklar ist aber, wie schädlich ihre Wirkung ist. Richtwerte oder gar Grenzwerte gibt es für diese Vielzahl von Spurenstoffen bisher überwiegend noch nicht – das kommt noch.

Autor

2 Kommentare

Neuester Kommentar