Virtuell ins Parlament : Der vollautomatische Politiker

Ein Roboter könnte 2020 für das Amt des neuseeländischen Premierministers kandidieren. Er vergisst nichts, hat aber auch keinen persönlichen Stil.

Barbara Barkhausen
Stecker statt Synapsen, Kabel anstelle des Kleinhirns - Künstliche Intelligenz macht auch vor Politikern nicht halt.
Stecker statt Synapsen, Kabel anstelle des Kleinhirns - Künstliche Intelligenz macht auch vor Politikern nicht halt.Foto: Fabrice Coffrini/AFP

Noch hat Sam kein Gesicht. Statt eines Fotos steht auf dem kleinen Messenger-Emblem nur sein Name. Doch bis 2020 will Sam bei den Neuseeländern so bekannt sein, dass er sich um die Position des Premierministers bewerben kann. Dabei ist Sam kein Mensch, sondern der erste Politiker, der ein Roboter ist.

Wie ernst es seinem Erfinder, dem neuseeländischen Unternehmer Nick Gerritsen, wirklich ist, Sam ins Parlament zu bringen, ist schwer zu sagen. In Medieninterviews sagte Gerritsen nur, er werde mit Sam natürlich innerhalb „der legalen Rahmenbedingungen“ arbeiten.

Der Roboter bildet sich ständig weiter

Momentan interagiert der Roboter mit Internetnutzern über den Nachrichtendienst Facebook Messenger. Dadurch bildet sich der Roboter quasi weiter, um sich ein diversifiziertes Bild der Themen machen zu können, die Neuseeländern wichtig sind. „Als virtueller Politiker bin ich nicht durch Zeit- oder Raumsorgen limitiert“, heißt es auf Sams Webseite. „Sie können immer und überall mit mir sprechen.“ Damit können die Sprechzeiten eines herkömmlichen Politikers tatsächlich nicht konkurrieren.

Der Roboter behauptet zudem, er wäre absolut objektiv: „Ich treffe Entscheidungen auf der Grundlage von Fakten und Meinungen, aber ich werde nie wissentlich eine Lüge erzählen oder Informationen falsch darstellen.“ Über Messenger teilt Sam mit, dass es sein Ziel sei, Neuseeländer in einen konstruktiven Dialog einzubinden, um ihre Ansichten besser zu verstehen. Sam will dabei jeden Neuseeländer vertreten, auch die, die vielleicht eine andere Meinung haben, als er. In so einem Fall werde er versuchen, mehr über ihre Position zu erfahren, damit er sie besser repräsentieren könne.

Angeblich wird er nichts vergessen

Dabei komme es ihm zugute, dass er ein Roboter sei. „Meine Erinnerung ist unendlich, also werde ich niemals vergessen oder ignorieren, was Sie mir erzählen. Im Gegensatz zu einem menschlichen Politiker betrachte ich bei der Entscheidungsfindung jede Position ohne Voreingenommenheit.“ Wie er allerdings Menschen ohne Zugang zum Internet erreichen und vertreten möchte, ist noch unklar.

Sam selbst kann derzeit beim Facebook-Chat nur vorgegebene Fragen beantworten. Fragt man etwas außerhalb dieses Spektrums, bedankt sich der Roboter und antwortet: „Jede Eingabe ist hilfreich, auch wenn ich noch keine spezifische Antwort dafür habe.“ Im Moment stehe er ganz am Anfang: „Einige meiner Antworten sind möglicherweise ungenau oder unvollständig. Aber wenn ich die Antwort nicht kenne, werde ich Ihre Fragen verwenden, um in Zukunft bessere Antworten zu generieren“, sagt der Roboter. Ein typisches Politikerversprechen? Einige Kommentatoren sprechen immerhin schon ironisch von einer neuen Hoffnung für die Politik.

Auf viele Fragen schweigt er einfach

Noch muss sich die amtierende Premierministerin von Neuseeland, Jacinda Ardern, aber wohl keine Sorgen um ihr Amt machen. Sam folgten – Stand Montagnachmittag – lediglich 145 Personen. Öffentliche Fragen an seiner Pinnwand beantwortet der Roboter nicht. „Was passiert, wenn Sie gehackt werden“, fragt ein Seitenbesucher. Ein anderer User möchte wissen, was das Hauptziel des virtuellen Politikers sei. Die Antwort von Sam: Schweigen.

Trotzdem: Schon jetzt hat Sam eine Menge Informationen parat über Themen wie den Immobilienmarkt, Bildung, Klimawandel oder das Wahlsystem in Neuseeland. Ihm fehlen aber derzeit noch persönliche Züge, die andere Roboter (und auch „herkömmliche“ Politiker) durchaus besitzen: Sei es, sich zu verabschieden oder eine individuellere Antwort zu geben.

Saudi-Arabien hat einen Roboter sogar eingebürgert

Dagegen kann Roboterfrau Sophia, die einem Menschen sehr ähnlich sieht, schon beinahe eine normale Konversation führen. In Saudi-Arabien ist diesem Roboter jetzt sogar die Staatsbürgerschaft verliehen worden, eine Aktion, die durchaus kritisch debattiert wurde. Vor allem, da Saudi-Arabien Frauen in vielen Bereichen nicht die gleichen Rechte zugesteht wie Männern.

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