Virus : Weltweit herrscht Angst vor der großen Grippe

In Mexiko regiert die Angst, seit die WHO bestätigt hat, dass dort bisher 62 Menschen an der neuen gefährlichen Schweinegrippe gestorben sind. Viele Menschen trauen sich nicht mehr aus dem Haus – wann erreicht das Virus Deutschland?

Rainer W. During,Andreas Oswald
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Schulen und Universitäten sind geschlossen, ebenso Theater und Museen. Großveranstaltungen werden abgesagt, Fußballspiele finden ohne Publikum statt. Restaurants und Bars werden gemieden. Auf der Straße, in Bussen und der U-Bahn tragen die Menschen Mundschutz. In Mexiko regiert die Angst, seit die WHO bestätigte, dass dort bisher 62 Menschen an der neuen gefährlichen Schweinegrippe gestorben sind. Der Erreger greift bereits auf die USA über.

Dort sind acht Erkrankungen offiziell dokumentiert. New Yorks Gesundheitsbehörde teilte am Samstag mit, an einer Schule seien Schüler an der Grippe Typ A erkrankt. Dies lasse die Möglichkeit offen, dass es sich um Schweinegrippe handeln könne, berichtete der Nachrichtensender CNN.Die US-Behörden warnten am Samstag davor, dass der neue Schweinegrippeerreger nicht unter Kontrolle zu bringen sei. Angesichts zahlreicher Infektionsherde „in vielen verschiedenen Gemeinden“ sei nicht davon auszugehen, dass eine Eindämmung derzeit möglich sei, sagte eine Mitarbeiterin des US-Zentrums für Krankheitsüberwachung und Vorbeugung (CDC). „Wir sind nicht soweit, dass wir den Virus auf einen Ort begrenzen können.

Das Virus löst Besorgnis in aller Welt aus. Wenn ein Infizierter mit dem Flugzeug von Mexiko nach Europa oder Asien fliegt, dann ist es denkbar, dass sich das Virus auf andere Teile der Welt verbreitet. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hielt am Samstag sogar eine Pandemie für möglich, bei der die ganze Welt von dem Virus erfasst wird.

Auf dem Tokioter Flughafen haben die Behörden bereits am Samstag Wärmekameras aufgestellt, mit denen bei Reisenden aus Mexiko festgestellt wird, ob sie eine erhöhte Körpertemperatur haben. In Deutschland gibt es bisher keine besonderen Schutzmaßnahmen an den Flughäfen. „Bei uns liegt bis jetzt nichts vor“, sagte der diensthabende Verkehrsleiter des größten deutschen Flughafens Frankfurt am Main gestern dem Tagesspiegel. Zuständig für eine entsprechende Anordnung wäre das Amt für Gesundheit der Stadt Frankfurt am Main. Auch bei der Deutschen Lufthansa, die täglich einmal von Frankfurt nach Mexico City und zurück fliegt, sieht man bisher keine Veranlassung für besondere Vorkehrungen. „Unser medizinischer Dienst beobachtet kontinuierlich die Situation“, sagte Lufthansa-Sprecherin Stefanie Stotz. Neben der Lufthansa gibt es in Deutschland nur Urlauberflüge der zur Air-Berlin-Gruppe gehörenden LTU von München und Düsseldorf nach Cancun. Von Berlin aus gibt es keine Mexiko-Flüge. An den Berliner Flughäfen sind bisher ebenfalls keine Maßnahmen geplant. Zuständig für eine entsprechende Empfehlung in Deutschland wäre das Robert-Koch-Institut, sagte ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums. Das RKI stehe im Gespräch mit den Länderbehörden und sei dabei, Empfehlungen für die Flughäfen zu erstellen, sagte die Sprecherin des Instituts, Susanne Glasmacher. Körperwärmedetektoren würden aber nicht dazu gehören. Deren Einsatz während der Sars-Epidemie habe nicht wirklich genutzt. „Man kann schlicht noch nicht sagen, ob es auf Mexiko und die USA begrenzt bleibt oder sich ausbreitet“, sagte Glasmacher. Dementsprechend gebe es noch keine Handlungsanweisungen etwa für Reisende nach Mexiko. Nach Angaben Glasmachers handelt es sich um ein bislang unbekanntes Virus, das Elemente des Influenza-Erregers von Schwein, Vogel und Mensch beinhaltet. Ähnliche Erreger hat es bereits früher gegeben. Einen Impfstoff gebe es wie bei allen neu entdeckten Viren bislang nicht. Experten warnen seit Jahren vor einer Grippe-Pandemie.

Für diesen Fall haben auch deutsche Behörden Vorsorge- und Krisenpläne erarbeitet. Bei der Schweinegrippe handelt es sich um die Virusvariante A/H1N1. Die Kranken in den USA hatten aber keinen Kontakt mit Schweinen. Die Experten nehmen daher an, dass sich das Virus von Mensch zu Mensch überträgt. Bei der Vogelgrippe war es noch so gewesen, dass sich Menschen in Asien wegen ihrer Nähe zu Tieren ansteckten, aber Übertragungen von Mensch zu Mensch so gut wie nicht vorkamen.

Die WHO spricht davon, dass diese Grippe im Gegensatz zu normalen Grippen vor allem junge sonst gesunde Erwachsene befalle. Die bislang schlimmste Grippe-Pandemie 1918 bis 1919 befiel zuerst auch junge und kräftige Menschen. Damals kamen weltweit 40 Millionen Menschen ums Leben. Die WHO kam zu einer Krisensitzung zusammen, um über weltweite Maßnahmen zu beraten.

Die US-Gesundheitsbehörde CDC geht nach ersten Tests davon aus, dass die Grippemedikamente Tamiflu und Relenza bei frühzeitiger Einnahme helfen könnten. Viele Deutsche haben noch Tamiflu in der Schublade. Tamiflu-Hersteller Roche erklärte, es könnten binnen kürzester Zeit große Mengen nachgeliefert werden. Mexikos Gesundheitsminister José Angel Cordova erklärte, es sei genug Tamiflu für eine Million Menschen vorhanden – ein Zwanzigstel der Bevölkerung der Hauptstadt. Mexikos Regierung empfahl daher, die Bürger sollten am Wochenende zu Hause bleiben, keine Hände schütteln und sich nicht zur Begrüßung auf die Wange küssen. mit dpa/AFP

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