Welt : "Vishnus Tod": Arme Schlucker zu Luxusgöttern!

Peter Köhler

Vishnu, der Welterhalter, ist einer der Hauptgötter des Hinduismus. Aber Vishnu heißt auch der Mann, der auf dem Treppenabsatz eines Hauses in Bombay wohnt und mit Botengängen für die Mieter sein Dasein fristet - bis er, der Hungerleider und Trunkenbold, eines Tages reglos in seinem Erbrochenen liegt.

Die miteinander verzankten Familien Asrani und Pathak, die ihn nach hinduistischem Brauch täglich mit Tee und Essensresten versorgten, können sich nicht einigen, wer den Krankenwagen bezahlt, die moslemische Familie Jalal hat genug eigene Probleme; der seit dem Tod seiner Frau einsiedelnde Mr. Taneja lässt sich gar nicht erst blicken, und der auf der Treppenkehre eines höheren Stockwerks lebende "Radiowallah", dessen ganzer Stolz sein Transistorradio ist, kann sowieso nicht helfen.

Illusion - Medium der Existenz

Ein Mikrokosmos des heutigen Indien ist dieses Haus, seine Bewohnerschaft sozial gespalten, religiös zerrissen und schwankend zwischen Tradition und Moderne. So plastisch der in Bombay geborene und in den Vereinigten Staaten lebende Manil Suri das Leben der Mieter schildert, so anschaulich er von Privatfehden, Alltagssorgen und Ehezwist erzählt und so kraftvoll er die fremdartigen Düfte und Klänge einfängt - nicht um Lokalkolorit geht es ihm in diesem Buch letztlich: sondern um das transzendente Indien, um die Suche der Menschen nach einer anderen, höheren, geistigen Welt.

"Maya, Illusion, war das Medium aller Existenz", heißt es an einer Stelle: Die Spannung zwischen Alltag und Gedankenwelt treibt alle Personen des Romans an. Das fängt bei Kavita Asranis Backfischträumen an und Mbei rs. Pathaks Wunschdenken vom Aufstieg in die feine Gesellschaft. Es setzt sich etwas skurril mit Mr. Asrani fort, der jeden Samstag im Hindutempel, in einer Moschee und außerdem in einer Kirche um Vergebung für die Sünden der vergangenen Woche bittet; lenkt weiter zu Mr. Taneja, der in der brahmanistischen Meditation über die Silbe Om "die Grenzen des Endlichen, des Materiellen und Vergänglichen" überschreitet, und führt schließlich zum vollkommen wissenschaftlich-rationalen Mr. Jalal, dem plötzlich eine religiöse Vision befiehlt, für die Errettung der Welt zu predigen.

Im Zentrum des Konflikts zwischen irdischem Dasein und metaphysischer Dimension aber steht Vishnu selbst, jener arme Schlucker, der - erster Gegensatz - vielleicht eine Inkarnation des Gottes ist, jener Gottheit, die - zweiter Gegensatz - ausgerechnet den Wohlstand, den Genuss und die Liebe schätzt, die irdischen Köstlichkeiten also.

Realität und Mythos, Alltag und Phantasie greifen in "Vishnus Tod" ineinander, wobei Suri das Kunststück gelingt, die in der Exotik Indiens schlummernde Ähnlichkeit mit dem Westen merklich zu machen. Man erkennt nicht nur die überall auf den Welt identischen menschlichen Leidenschaften und Hoffnungen wieder, von denen Suri erzählt, sondern wird sich auch darüber klar, in welchem Punkt die Religion des Ostens westlicher Philosophie überraschend wesensverwandt ist: "Was war Wirklichkeit, und was war Traum? Glaubten die Hindus nicht, dass die Wirklichkeit nur eine Illusion war, eine vorübergehende Täuschung? Und die Europäer - war da nicht irgend etwas von wegen, dass die Welt nicht existierte, sondern nur mentale Repräsentationen davon?"

Gedanken am Gitterstab

Manil Suri zeigt das erdverwurzelte Indien ebenso wie das transzendente. Sein Geschick, Metaphysik und Alltag aufeinander zu beziehen, ist dabei so bemerkenswert wie sein Humor, der ihn befähigt, nötigenfalls die Kluft zwischen Wirklichkeit und Gedankenwelt in tragikomischen Momentaufnahmen festzuhalten. So wenn er Mr. Jalals Fall beschreibt, der nach einer Erweckungspredigt fliehen musste und nun schon längere Zeit an einem Balkongitter hoch über dem Innenhof hing: "Mr. Jalal baumelte tief in Gedanken versunken an seinem Gitterstab."

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