Vogelgrippe : Das Virus rückt näher

Die auch für den Menschen gefährliche Vogelgrippe ist näher an Deutschland herangerückt. Dennoch möchte die Bundesregierung nicht über die bereits beschlossene Verschärfung von Reise- und Transportkontrollen hinausgehen.

Berlin/Brüssel - Man sei «sehr besorgt», dass jetzt in der Türkei der gefährliche Vogelvirus-Typ H5N1 nachgewiesen worden sei, erklärte Verbraucherminister Jürgen Trittin (Grüne) am Donnerstag. Er beruhigte aber zugleich: «Zum jetzigen Zeitpunkt muss niemand in Deutschland befürchten, dass er an Vogelgrippe erkrankt.»

Die EU-Kommission verbot unterdessen Geflügelimporte aus Rumänien, weil dort der Erreger H5 nachgewiesen wurde. Ein EU-weiter Importstopp gilt bereits für Geflügel und dessen Produkte aus der Türkei und vielen weiteren Ländern Asiens.

Das vom Deutschen Bauernverband und der FDP verlangte bundesweite Freilaufverbot für Hühner, Enten und Gänse lehnte Trittin vorerst ab. Es gebe keine Beweise für einen Vogelflug von der Türkei nach Deutschland und damit eine Übertragung der Erreger. Der Vogelflug verlaufe derzeit von Nord nach Süd, aber nicht nach Deutschland. Ernsthaft prüfen müsse man, ob und in welchem Umfang es im Frühjahr rückkehrende infizierte Vögel aus Afrika gebe.

Angesichts der durch die Vogelgrippe im Ausland angeheizte Nachfrage nach Grippemitteln warnte Trittin vor der Einnahme «auf Verdacht». Wenn, dann sollten sich die Bürger die Mittel vom Arzt verschreiben lassen.

Einfuhrkontrollen verstärkt

Reisenden empfahl der Minister, sich in den betroffenen Ländern von Geflügel fern zu halten und dieses nur gekocht und gut gebraten zu essen. Zugleich sollten sie keine Lebensmittel aus diesen Regionen mitbringen. Am Frankfurter Flughafen hat Hessen die Einfuhrkontrollen aus den betroffenen Ländern unterdessen verstärkt.

Die Bundesländer forderte Trittin auf, sofort den Stab von Tiermedizinern zu verstärken, um gegen illegale Tier- und Fleischtransporte vorgehen zu können. Zoll und Polizei begleiteten solche am Vortag vom Nationalen Krisenstab in Bonn beschlossenen Kontrollen an Flughäfen und Autobahnen.

Trittins Staatssekretär Alexander Müller berichtete über ein großes Ausmaß illegaler «Mitbringsel». Bei 19 Kontrollen seien 608 Reisende aufgeflogen, die zusammen 826 Kilogramm lebendes und totes Fleisch nach Deutschland mitbrachten: Hunde, Katzen, Enten und sogar ein halbes Spanferkel.

EU-Kommissar Markos Kyprianou hatte am Vormittag mitgeteilt, dass im asiatischen Teil der Türkei das auch für Menschen gefährliche Virus H5N1 festgestellt worden sei. Es sei einem anderen Erreger sehr ähnlich, der vor einigen Monaten in Asien gefunden worden sei.

In Rumänien wurde bei einem Huhn und einer Ente der Virustyp H5 nachgewiesen. An diesem Freitag soll geklärt sein, ob es sich um das Virus H5N1 handelt. Zudem sollen an diesem Freitag Experten in Brüssel beraten, wie groß das Risiko durch Zugvögel ist und gegebenenfalls Vorsichtsmaßnahmen erarbeiten.

Die Kommission empfahl für die EU-Bevölkerung die Ausweitung normaler Grippeschutzimpfungen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) befürchtet, dass in einem infizierten Menschen aus einem menschlichen Virus und einem Vogelgrippevirus ein neuer, hochgefährlicher Erreger entstehen könnte.

Nach Angaben der türkischen Regierung ist nach dem Auftreten der Vogelgrippe in einer Puten-Freilandzucht deren gesamter Geflügelbestand vernichtet worden. Bislang sei in der Türkei kein weiterer Fall von Vogelgrippe bekannt.

Bisher keine Menschen erkrankt

Erkrankungsfälle von Menschen wurden bislang weder aus Rumänien noch aus der Türkei berichtet. Die Betroffenen in Asien hatten sich vor allem durch engen Kontakt mit Geflügel angesteckt. Laut Weltgesundheitsorganisation sind in Asien insgesamt 117 erkrankte Menschen registriert worden. 60 davon starben. «Wenn die Lebensmittelhygiene beachtet wird, wenn Fleisch und Eier also vor Verzehr gekocht werden, besteht keine Gefahr», sagte Luis León, Tierarzt der Fachhochschule Osnabrück.

In Baden-Württemberg dürfen Vogelhalter nach Mitteilung des Stuttgarter Landwirtschaftsministeriums künftig ihr Geflügel nicht mehr ins Freie lassen, sofern es dort in Berührung mit Wildtieren kommen kann. Es schloss sich damit dem Freilaufverbot in einigen Regionen Niedersachsens, Nordrhein-Westfalens und Mecklenburg- Vorpommerns an.

Die Weltorganisation für Tiergesundheit meldete am Donnerstag, dass tausende Wasservögel in Iran an einer mysteriösen Krankheit verendet sind. Der Erreger sei noch unbekannt. Unterdessen stieg der Aktienkurs des Konzerns Roche, der das Grippemittel Tamiflu herstellt. (tso/dpa)

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