Welt : Vogelgrippe? Nicht vergessen

Experten fordern weiter Wachsamkeit

Adelheid Müller-Lissner

Es ist still geworden um die Vogelgrippe. Das liegt nicht an den Medien, die viele Wochen lang ausführlich berichtet haben und nun kaum noch auf das Thema eingehen. Seit dem Ausbruch der Seuche Anfang April in einem Betrieb in Sachsen, wo ein großer Teil des Bestandes getötet werden musste, gab es in Deutschland keine weiteren Fälle bei Nutztieren. Tatsächlich wirkt die Lage entspannt, denn auch bei Tests von Wildvögeln gab es in letzter Zeit weniger infizierte Tiere, wie das zuständige Friedrich-Löffler-Institut für Tiergesundheit auf der Insel Riems jetzt berichtete.

Zugleich mahnte man dort jedoch auch zu weiterer Wachsamkeit. Witterungsbedingt würden zu dieser Jahreszeit generell weniger tote Wildvögel gefunden und untersucht. Eine Einschleppung der Tierseuche in den Nutztierbestand könne weiterhin nicht ausgeschlossen werden. Alle Schutzmaßnahmen sollten deshalb bis auf weiteres beibehalten werden – vor allem die Stallpflicht für Nutztiere.

Und die Menschen? Auch als fast täglich von Neuinfektionen aus Asien berichtet wurde, wurde immer wieder betont, dass Gefahren nur unter bestimmten Bedingungen drohen: Wenn sich das Tiervirus so verändern oder mit genetischem Material der für Menschen gefährlichen Grippeviren mischen sollte, dass eine Ansteckung von Mensch zu Mensch möglich würde. Die Menschen, die bisher die Vogelgrippe bekamen, haben sich höchstwahrscheinlich über den Weg der Tröpfcheninfektion direkt von Hühnern angesteckt. In Deutschland war die Aufregung in vielen Familien groß, als ausgerechnet unmittelbar vor Ostern in Deutschland Nutztiere positiv getestet worden waren. Weich gekochte Frühstückseier und Tiramisu verschwanden in vielen Haushalten ganz vom Speiseplan.

„Wir haben von vorne herein gesagt: es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich jemand über Lebensmittel mit der Vogelgrippe infiziert“, sagt Jürgen Kundke, Sprecher des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Speziell beim Ei kommt hinzu, dass eine kranke Henne wahrscheinlich überhaupt nicht mehr in der Lage wäre, es zu legen. Weil ein Bundesinstitut, das zum Schutz der Bevölkerung geschaffen wurde, auch unwahrscheinliche Infektionswege nicht hundertprozentig ausschließen darf, gab es vor Ostern trotzdem Tipps zum vorsichtigen Eierausblasen. Deshalb ist es konsequent, jetzt auch die Eis-Frage zu stellen: Ist es eigentlich unbedenklich, Speiseeis zu essen, für das Hühnerei verwendet wurde? „Eine Kühlung überstehen Influenzaviren ganz gut, anders als das Erwärmen über 70 Grad“, gibt der Mikrobiologe Lüppo Ellerbroek vom BfR zu bedenken.

Dass die Viren aber überhaupt im Ei sind und dass sie von dort aus den Menschen infizieren könnten, ist weiter extrem unwahrscheinlich – viel unwahrscheinlicher als zum Beispiel eine Infektion mit Salmonellen. Zudem kommen immer mehr Eis-Rezepte ganz ohne Ei als Zutat aus.

Rechtzeitig zu Beginn der Badesaison hat sich das BfR auch mit der Frage befasst, ob die Strände der deutschen Nord- und Ostseeküste, an denen sich nicht nur Badende, sondern auch Wildvögel gern aufhalten, sicherheitshalber von deren Kot gereinigt und desinfiziert werden sollten. Denn insbesondere in den Seuchensperrbezirken und Schutzzonen sei mit einer erhöhten Kontamination der Uferbereiche zu rechnen.

Und Influenzaviren, auch die vom jetzt gefürchteten Typ H5N1, können mit den gängigen Desinfektionsmitteln zerstört werden. Trotzdem hält das BfR eine Desinfektion „zum gegenwärtigen Zeitpunkt weder für zweckmäßig noch für erforderlich“. Zweckmäßig ist sie schon deshalb nicht, weil es recht mühsam ist, große Flächen zu desinfizieren – und weil es neben den Viren auch die Oberfläche der Böden zerstört.

„Die Maßnahmen erscheinen auch deshalb wenig zweckmäßig, da Verbraucher mit Desinfektionsmitteln wie Formalin oder Peressigsäure behandelte Strände vermutlich meiden und von den Maßnahmen deshalb nicht profitieren würden.“ Dabei droht Strandurlaubern nach Ansicht des BfR von der Tierseuche keine Gefahr.

Auch die „gefühlte Bedrohung" durch die Vogelgrippe hat in Deutschland in Zeiten des pandemischen Fußballfiebers abgenommen. Doch das Blatt kann sich schnell wenden, wenn wieder mehr tote Wildvögel gefunden und getestet werden. Beim Friedrich-Löffler-Institut befürchtet man, dass unter ihnen das Virus H5N1 inzwischen heimisch geworden sein könnte – als unbemerkter Dauergast, weil längst nicht alle infizierten Tiere erkranken.

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