Welt : Vogelgrippe: Täuscht China die Welt?

Japanischer Experte legt inoffiziellen Bericht vor – tausende Erkrankte liegen auf Intensivstationen

Adelheid Müller-Lissner

71 Menschen sind bisher an der Vogelgrippe gestorben – offiziell. Die meisten kamen aus Thailand, Indonesien und Vietnam, nur zwei aus China – offiziell.

Jetzt gibt es Hinweise darauf, dass in Wirklichkeit China der Spitzenreiter ist. „Wir werden systematisch belogen“ – mit diesen deutlichen Worten charakterisierte am Samstag der japanische Influenza-Spezialist Masato Tashiro laut „FAZ“ die Situation. Der Virologe, der kürzlich im Auftrag der WHO in China unterwegs war, hatte an der Uni Marburg einen Vortrag über Vogelgrippe gehalten. Dabei hatte Tashiro einen Bericht gezeigt, der ihm in China inoffiziell zugespielt wurde.

„Er sprach von hunderten von nachgewiesenen Todesfällen und davon, dass Tausende auf Isolierstationen gelandet seien“, bestätigte der bekannte Marburger Influenza-Forscher Hans Dieter Klenk, zu dessen Ehren das Kolloquium der Virologen stattfand, gestern dem Tagesspiegel. Mehrere Dutzend H5N1-Ausbrüche in China seien inoffiziell dokumentiert, so hatte Tashiro in Marburg erklärt.

Bei der WHO in Genf konnte man diese inoffiziellen Zahlen gestern nicht bestätigen. „Aber natürlich müssen wir dem nachgehen, vor allem in der aktuellen Situation, wo jederzeit eine Pandemie drohen könnte“, sagte Sprecherin Maria Cheng auf Anfrage.

Bei praktisch allen Infektionen, die in den letzten Monaten in Asien registriert wurden, hatte zuvor enger Kontakt mit infiziertem Geflügel bestanden. Ob in einzelnen Fällen Menschen, die sich den Erreger durch direkten Kontakt mit einem Tier eingefangen hatten, ihrerseits andere Menschen angesteckt haben, ist praktisch schwer nachzuweisen. Denn meist leben sie dann im selben Haushalt – und könnten alle Kontakt zu den Tieren gehabt haben.

Dennoch ist es beunruhigend, dass in Tashiros Aufstellung über die chinesischen Zahlen in sieben Fällen in Klammern der Zusatz vermerkt war: „Mensch-zu Mensch-Übertragung wahrscheinlich“.

Hat es also bereits solche Übertragungen gegeben? Wenn ja, dann ist der Erreger wohl noch nicht so stark infektiös wie bei einer Grippe.

Bisher konnte noch kein Mensch, der sich mit einem Vogelvirus infizierte, eine echte Infektionskette wie bei einer Grippe bei seinen Mitmenschen in Gang setzen. Eine solche Kette der Ansteckungen von Mensch zu Mensch wäre die Voraussetzung für eine weltweite Epidemie.

„Es ist durchaus möglich, dass das Virus sich an den Menschen adaptiert und zum humanen Influenzavirus wird“, sagt der Charité-Virologe Detlev Krüger. Das kann entweder langsam geschehen, durch ständige Änderungen seines Erbguts. Das bedrohlichere Szenario ist jedoch, dass es durch den Austausch ganzer Gene mit humanen Influenzaviren die Fähigkeit erlangt, effektiver als bisher Menschen zu infizieren – und vor allem effizient von Mensch zu Mensch übertragen zu werden.

Wenn sich bestätigen sollte, dass in China schon hunderte von Menschen nach einer H5N1-Infektion erkrankt sind, ist die Gefahr solcher Veränderungen des Virus noch näher gerückt. Denn es steigen damit die Chancen, dass die Vogelviren eine unselige Allianz mit bekannten menschlichen Grippe-Erregern eingehen.

„Trotzdem kann man sich die bisherigen Erkrankungen in einem Land, wo Mensch und Geflügel auf engem Raum zusammen leben, gut durch Übertragung vom Tier auf den Menschen erklären“, sagt Krüger. „Selbst wenn die Zahlen stimmen, ist das noch kein Hinweis auf den Katastrophenfall“, meint auch Klenk, der letzte Woche gerade selbst in China war. Sein Eindruck: „Die Vogelgrippe wird nicht totgeschwiegen, sie kommt inzwischen in den Medien ganz vorne vor.“

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