Volksmusik : Die Spatzen pfeifen nichts vom Dach

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Wenn der Berg ruft, ist bekannt, was passiert: Dann zieht es den wackeren Wandersmann, auch den Mittfünfziger, hinauf auf die Höh’, vorbei an saftigen Wiesen und Almen voller fescher Sennerinnen, die Milch von glücklichen Kühen melken und servieren, natürlich in Tracht mit prachtvollem Dekolleté, also ordentlich Holz vor der Hütt’n, wie die Wandersleut sagen. Und immer höher hinauf zieht es, über sprudelnde Bäche hinweg, an glasklaren Seen vorbei, immer höher, und oben am Gipfelkreuz, ja, da ist die Welt noch in Ordnung, da ist sie heile. Wenn der Berg ruft. Aber was, „Wenn die Berge nicht mehr schweigen“? Dann kracht alles zusammen, kakophonisch sozusagen, man wird noch sehen, dass das Wort trefflich gewählt ist.

Ort des Grauens ist Castelrotto, eine kleine Marktgemeinde in Südtirol, im Eisacktal, da, wo es so schön aus dem Schlern und Rosengarten ruft. In Castelrotto spielt ein Buch, das ein Walter Widemaier gerade geschrieben hat, eben „Wenn die Berge nicht mehr schweigen“. Castelrotto heißt verrottete Burg, zerstörte Burg, ja, das passt. Castelrotto ist bei uns besser als Kastelruth bekannt.

In Kastelruth sind die gleichnamigen Spatzen beheimatet, und denen, die auch nicht so sehr aufs „Musikantenstadl“ abfahren, sei gesagt, dass es sich dabei um eine der erfolgreichsten Gruppen der Volksmusik handelt.

Wobei, Musik? Der erwähnte Herr Widemaier, Produzent der „Kastelruther Spatzen“, hat enthüllt, dass es sich dabei nicht um Musik handelt, zumindest nicht um Musik der „Spatzen“. Auf keiner der in den vergangenen Jahren eingespielten und 15 Millionen Mal verkauften CDs spielten die Spatzen selber, sondern ließen sich, wie weiland Milli Vanilli in den 80er Jahren, von veritablen Studiomusikern doubeln. Sie selber sind wohl musikalisch nicht so doll, kriegen es nur, Achtung! kakophonisch zusammen, lediglich der Sänger ist ein richtiger Spatz. „Bierzeltmusikanten“ schimpft der Herr Widemaier seine Schützlinge, was richtigen Bierzeltmusikanten möglicherweise auch wehtut. Und die Gemeinde, wie reagieren die Heerscharen, die sich all die gefälschten CDs gekauft haben und die Spatzen zu Millionären machten? Gelassen, gerade so, als hätten sie den blanken Unsinn von der heilen Welt in klarer Bergluft eh nie geglaubt. Stattdessen kommt ein immer noch begeisterter Fan auf der Webseite der Kastelruther Spatzen zum friedlichen Fazit: „Jungs“, und das ist jetzt weder ein Tippfehler noch ein legasthenischer Aussetzer des Mittfünfzigers, „lasst euch nicht untergriegen.“ Eine Warnung muss aber ausgesprochen werden. Klickt man diese Webseite an, ertönen die Spatzen.Helmut Schümann

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