Welt : Volkszählung "Türkei 2000": "Haben Sie zu Hause eine Toilette?"

Susanne Güsten

Wenn es am Sonntag in türkischen Hotels an die Zimmertüren klopft, wird es in den meisten Fällen nicht der Kellner mit dem Frühstück sein, sondern ein Beamter mit einem Fragebogen. Denn auch die rund 500 000 ausländischen Urlauber im Land sollen an der Volkszählung "Türkei 2000" teilnehmen und Fragen beantworten wie: "Haben Sie zu Hause eine Toilette?"

Für die ganze Türkei wird am Sonntag ab acht Uhr morgens eine Ausgangssperre gelten. Jeder Bürger soll zu Hause sein, wenn die Zähler der staatlichen Statistikbehörde kommen. "Zähl-Terror", wetterte die Zeitung "Sabah", "Hausarrest" schimpfte "Hürriyet". In der Hauptstadt Ankara droht die Verwaltung jedem Strafen an, der sich nicht an die Ausgangssperre hält. Einwohner, die sich am Zähltag nicht an ihrem Wohnort aufhalten, müssten künftig 50 Prozent mehr für Wasser und einen Zuschlag für Erdgas bezahlen. Damit den Behörden auch kein Zähl-Flüchtling durch die Lappen geht, sollen Nachbarn die Delinquenten bei einer Telefon-Hotline melden. Im zentralanatolischen Kirikkale geht man noch weiter: Die Verwaltung will Missetätern das Wasser abdrehen und den Müll nicht mehr abholen. Innenminister Sadettin Tantan gehen die Drohungen der Stadtverwaltungen zu weit. Er forderte die Verwaltungen auf, sich an die Gesetze zu halten.

Einige Anordnungen für die Zählung wirken wie aus Kriegszeiten. So wird das Ende der Ausgangssperre am Sonntagabend über offizielle Mitteilungen in Radio und Fernsehen bekannt gegeben. Alle Inlandsflüge der türkischen Fluggesellschaft Turkish Airlines wurden für Sonntag gestrichen; es wird keinen Straßenverkehr geben und keine Spiele der türkischen Fußball-Liga. Stattdessen werden rund eine Million Helfer von Haus zu Haus gehen und die persönlichen Daten von rund 65 Millionen Türken und den ausländischen Gästen aufnehmen.

Während die meisten Türken den Hausarrest gleichgültig hinnehmen, gibt es Krach um die Zwangsteilnahme der ausländischen Gäste an der Zählung. Die Tourismusbranche befürchtet, dass Besucher nicht wiederkommen werden, wenn sie einmal gegen ihren Willen im Hotel festgesetzt worden sind. Tourismusminister Erkan Mumcu versuchte durchzusetzen, dass die Urlauber die Fragebögen am Vorabend der Zählung erhalten und so am Sonntag selbst vom Hausarrest befreit sind. Doch die Statistikbehörde kennt kein Pardon: Beamte mit Fremdsprachenkenntnissen sollen am Sonntag in den Touristenhotels die Runde machen.

Nach erfolgter Zählung dürfen lediglich Pauschaltouristen - mit ihrer Reisegruppe und unter Leitung ihres Reiseführers - Ausflüge machen. Individual-Reisende dagegen sollten sich wie die Türken den ganzen Sonntag über nicht auf der Straße blicken lassen, wenn sie nicht festgenommen werden wollen. Mit Pass und Flugticket allerdings darf man zwischen Hotel und Flughafen umherfahren - sofern man ein Taxi findet, denn nur einige wenige Taxis werden am Sonntag eine Ausnahmeerlaubnis haben. Die Verwaltungen der türkischen Urlauberhochburgen wie Antalya an der Südküste erhoffen sich von der Touristen-Zählung eine statistische Erhöhung der Einwohnerzahl, was ihnen höhere Subventionen aus Ankara sichern soll. Die Touristen müssen nicht nur im Hotel bleiben, sondern auch denselben 43 Punkte umfassenden Fragenkatalog beantworten wie türkische Staatsbürger auch. Einige Fragen sind sehr persönlich. Zum Beispiel will der türkische Staat wissen, ob die Befragten schon eine Totgeburt erlitten hätten. Andere Fragen, wie die nach der Toilette, haben zwar einen Sinn, wenn es um die Erfassung der Lebenssituation in abgelegenen türkischen Bergdörfern geht. Sie sind aber völlig absurd, wenn der Befragte ein Besucher aus dem Ausland ist. Es bleibt schleierhaft, was die türkischen Statistiker mit Angaben über fließendes Wasser in Eigenheimen und Mietshäusern in Deutschland, Großbritannien oder den USA anfangen wollen.

Die Behörden versprechen hoch und heilig, dass der Zensus 2000 der letzte dieser schwerfälligen Art sein wird. Bis zum nächsten Mal soll ein computergestütztes Meldesystem aufgebaut werden, das eine Ausgangssperre überflüssig machen soll. Doch schon bei der letzten Zählung vor drei Jahren schworen die Statistiker, dass es keinen Hausarrest mehr geben werde. Tatsächlich wurden mit einem Weltbank-Kredit die nötigen Computer zur Modernisierung der Zählmethode angeschafft - doch sie verschimmelten in einem feuchten Lagerhaus.

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