Welt : Volle Härte

Zwei US-Bürgermeister geraten ins Visier der Polizei – wenn auch aus ganz verschiedenen Gründen

Christoph von Marschall[Washington]

Es gibt Zeiten, da scheinen die USA darauf aus zu sein, die in der Welt kursierenden Klischees zu bestätigen. Korruption und Missmanagement an der Spitze der Großstädte? Detroit liefert lebendige Anschauung. Die Polizei sei nicht zimperlich und schieße auch schon mal in unschuldigen Situationen wild um sich? Der Bürgermeister eines kleinen Orts in Maryland hat es gerade am eigenen Leib erfahren.

In Detroit kam jetzt der schwarze OB Kwame Kilpatrick hinter Gitter. Seit Monaten laufen mehrere Untersuchungsverfahren gegen ihn wegen Meineid, Amtsmissbrauch und Vertuschung einer außerehelichen Affäre mit seiner Bürochefin. In den ersten drei Jahren seiner skandalgeschüttelten Amtszeit hatte der 2001 gewählte Kilpatrick 200 000 Dollar über seine dienstliche Kreditkarte ausgegeben und für seine Frau einen hochwertigen Geländewagen geleast für monatlich tausend Dollar. Das kam ganz schlecht an in einer Stadt mit hoher Arbeitslosigkeit und Haushaltsproblemen.

Er feuerte zwei Polizeibeamte, angeblich, weil sie seine Verfehlungen untersuchen wollten. Das Kündigungsverfahren endete in einem Vergleich, der die Stadt 8,4 Millionen Dollar kostete. Dann veröffentlichte die „Detroit Free Press“ sexuell eindeutige E-Mails des OB an seine Bürochefin – der Beweis, dass Kilpatrick gelogen hatte, als er das Verhältnis unter Eid bestritt. Ein Richter verschonte das Stadtoberhaupt unter zwei Auflagen von der Untersuchungshaft: Neben der Kaution darf Kilpatrick die USA nicht unangemeldet verlassen. Nun reiste er nach Kanada, ohne das Gericht zu informieren. Es sei um einen unvorhersehbaren Notfalltermin zum Verkauf des Detroit-Windsor- Tunnels gegangen, entschuldigte er sich. Der Richter ließ Kilpatrick inhaftieren. Die Amtsgeschäfte führt derweil seine neue Bürochefin.

Ganz ohne eigenes Verschulden geriet Cheye Calvo, Bürgermeister von Berwyn Heights, in die Hände der Polizei. Vor wenigen Tagen trat ein SWAT-Team – Spezialkräfte für den Kampf gegen Schwerstverbrecher – die Haustür ein. Sie warfen Calvo und seine Schwiegermutter auf den Boden, legten ihnen Handschellen an und erschossen seine zwei Labradors; von den Hunden hätten sie sich bedroht gefühlt.

Der Hintergrund: Unter dem Namen von Calvos Frau war ein Paket aus Lateinamerika geliefert worden, das rund 15 Kilo Marihuana enthielt. Drogenbanden senden solche Lieferungen offenbar per Post an unschuldige Adressen und haben Komplizen unter den Austrägern. Die sollen das Paket gegen Unterschrift aushändigen, es aber kurz darauf wieder abholen unter dem Vorwand, es handele sich um einen Irrtum. Die Polizei hatte den Weg des Pakets verfolgt und am Ziel sofort zugeschlagen, ohne die lokalen Kollegen zu informieren oder sich zu erkundigen, wer dort wohnt. Calvo hatte es nicht geöffnet. Bislang weigern sich die Polizeisprecher, die Aktion als unverhältnismäßig einzustufen. Sie haben sich auch nicht bei Calvo entschuldigt.

Der Wilde Westen beginnt offenbar gleich vor den Toren der Hauptstadt Washington. Und Detroit, die Grenzstadt zu Kanada, könnte auch in einer südlichen Bananenrepublik liegen.

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