Welt : Volle Schrotladung

Der US-Vizepräsident hat bei der Jagd einen Mitjäger angeschossen – aus Versehen

Christoph von Marschall[New Orleans]

Die Meldung klingt wie die Vorlage, zu Reinhard Meys „Diplomatenjagd“, die der Berliner Sänger vor Jahrzehnten schrieb: Vizepräsident Cheney schießt auf Jagdgenossen. Glücklicherweise ist der Verletzte Harry Whittington, ein 78- jähriger Anwalt aus Austin, wohlauf, er sollte noch am Montag aus dem Krankenhaus in Corpus Christi, Texas, entlassen werden. So ist der Ton, in dem die US-Medien berichten, etwas lockerer geworden: Cheney „pfefferte Jagdgefährten mit Schrot“, formuliert die Zeitung „USA Today“.

Zu dem Vorfall kam es am Samstag auf der 20 000 Hektar großen Armstrong-Ranch, die einer prominenten Republikanerfamilie in Südtexas gehört. Cheney, der als passionierter Jäger gilt, beteiligt sich dort schon seit längerem mindestens einmal im Jahr an der Wachteljagd. Im Oktober hatte der Vizepräsident die Rede zum Begräbnis von Armstrongs Vater Tobin gehalten. Ihre Mutter Anne war US-Botschafterin in Großbritannien.

Whittington habe sich von der kleinen Jagdgesellschaft kurz getrennt, um nach einem von ihm geschossenen Vogel zu sehen, erläuterte Katharine Armstrong der Lokalzeitung „Corpus Christi Caller- Times“. Währenddessen liefen die anderen weiter zu einer Stelle, an der die Jagdhunde weitere Jagdbeute aufgespürt hatten. Als Cheney die auffliegenden Vögel ins Visier nahm, habe sich Whittington von dieser Seite genähert, ohne durch Rufe aus sich aufmerksam zu machen. Die Jäger hätten alle orangefarbene Warnwesten getragen, doch habe das Opfer die Sonne im Rücken gehabt, was Cheneys Sicht behinderte. Whittington wurde durch Schrotkugeln in die rechte Wange, den Hals und den Brustkorb getroffen und sei zu Boden gegangen.

Begleiter des Vizepräsidenten hätten sofort erste Hilfe geleistet, Cheneys wegen habe auch ein Krankenwagen bereitgestanden, der das Opfer in das Christus Spohn Hospital in Corpus Christi brachte. Am Montag stand Whittington wegen leichter Schwellungen um die Einschussstellen unter ärztlicher Beobachtung. Lebensgefahr bestand offenbar zu keinem Zeitpunkt. „USA Today“ berichtet, Katharine Armstrongs Tonlage beim Bericht über den Unfall sei leicht ungehalten gewesen wegen „vieler Fragen von Reportern, die deren Unkenntnis über die Jagd verraten“. „Mein Gott, es war eine Schrotflinte, kein Gewehr mit richtigen Kugeln“, habe sie betont.

Zu Irritationen führte, dass Cheneys Büro den Vorfall nicht bekannt gab, sondern auf die Familie Armstrong verwies; es gehe um „einen Vorfall auf deren Privatgrundstück“, sagte Cheneys Sprecher.

Der angeschossene Whittington ist seit langem bei den texanischen Republikanern aktiv. Er ist wie Cheney ein begeisterter Jäger und kommt regelmäßig auf die Armstrong-Ranch. Armstrong sagte, Cheney sei ein sehr umsichtiger Sportsmann. Es sei jedoch das erste Mal gewesen, dass die beiden dort zusammen unterwegs gewesen seien.

Jagdunfälle sind nicht selten in den USA, solche mit Präsidenten oder Vizepräsidenten als Beteiligten dagegen schon. Die US-Medien konnten zunächst keine direkten Parallelen finden. 1804 hatte Vizepräsident Aaron Burr Alexander Hamilton in einem Duell getötet. Von Präsident Gerald Ford ist überliefert, dass er Bälle beim Golfspielen versehentlich in die Zuschauermenge schlug.

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