Welt : Vom Botschafter zum Türöffner

Zur Unterstützung der Olympiabewerbung lud Bundespräsident Rau das diplomatische Korps nach Leipzig

Elisabeth Binder

Auf dem Gelände-Parcours des Porsche-Werks in Leipzig gibt es einen Hügel, der fast senkrecht hoch geht, eigentlich nicht zu schaffen für ein Auto. Unheimlich sieht er aus, dagegen ist jede Achterbahn Flachland. Der Porsche Cayenne hat einen Extragang für solche Herausforderungen. Etwa zwanzig nagelneue Fahrzeuge, voll geladen mit den in Deutschland akkreditierten Botschaften klettern nach und nach langsam den Hügel hoch. Die Reaktionen reichen von ausgelassenem Juchzen bis zu ehrfürchtigem Staunen. Mit diesem Event endete der ganztägige Ausflug für das diplomatische Korps, zu dem Bundespräsident Johannes Rau die in Deutschland akkreditierten Botschafter diesmal nach Leipzig eingeladen hatte. Schließlich gilt es, die Olympiabewerbung der Stadt tatkräftig zu unterstützen.

Die meisten waren zum ersten Mal dort, für zwei war’s ein Wiedersehen. „Dort stand ein Pavillon, da haben wir immer getanzt“, sagt Jordaniens Botschafter Saleh Rusheidat in fließendem Deutsch beim Stadtrundgang. Vor Jahrzehnten hat er sechs Jahre in Leipzig gelebt und sich dort zum Bauingenieur ausbilden lassen. Auch Abraham Doukouré, Botschafter der Republik Guinea, hat in Leipzig studiert und wurde zunächst Diplom-Chemiker. Jetzt steht er im Rathaussaal und staunt, was aus der Stadt seiner Jugend geworden ist. „Ich bin Botschafter in zwei Richtungen“, lacht er. Wenn es nach Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee geht, werden an diesem Tag alle hier anwesenden Botschafter aus 120 Ländern auch zu Botschaftern für Leipzig. Immer wieder betont er, wie dankbar er sei, dass der Bundespräsident in diesem Jahr seine Stadt für diesen Ausflug ausgewählt habe. Unter Leipzigern gilt die Visite auch als eine Art Probelauf für den Besuch des Internationalen Olympischen Komittees.

Der glücklichste Tag

Johannes Rau überlässt seine Dienstlimousine dem Chauffeur, fährt lieber mit Tiefensee und den Botschaftern im Bus mit. Mit viel Feuer erzählt der Bürgermeister dort alles über die neue ICE-Strecke, über den rund um die Uhr betreibbaren Flughafen mit ICE-Anschluss, über den Autobahnausbau und über die weiteren Wunder von Leipzig, die der friedlichen Revolution folgten. Der Tag, an dem BMW aus 250 Wettbewerbern ausgerechnet Leipzig als Standort für sein neues Werk auswählte, sei einer der glücklichsten in seinem Leben gewesen. Später wird BMW-Chef Panke den Exzellenzen auf dem Werksgelände berichten, wie toll die Zusammenarbeit mit der Stadt funktioniert, wie wenig Zeit vergeht vom Antrag auf eine Genehmigung bis zu deren Erteilung.

Ja, die Botschafter sollen zu Türöffnern werden, sollen den Standort in ihren Heimatländern weiterempfehlen. Auffällig, wie sehr hier alle an einem Strang ziehen. Auch der Pfarrer der Thomaskirche, Christian Wolff, begnügt sich nicht mit frommen Worten. „Kann es ein besseres Umfeld für die Jugend der Welt geben?“ fragt er. Wer hierher komme, „um eine Messe zu lesen, zu investieren oder Olympische Spiele zu veranstalten“, werde wiederkommen, wenn er dieses Haus der Musik und des Geistes besucht habe. Es folgt ein Konzert des Thomanerchores und des Gewandhausorchesters. Die Öffnung der Herzen wird hier seit Jahrhunderten geübt und mit großer Gründlichkeit betrieben.

Besser sein als andere

Es geht noch viel um den besonderen Geist der Stadt, um die Gabe, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, um das dringliche Bestreben, aus sich selbst heraus besser zu sein. Es geht auch um Probleme, die der Oberbürgermeister grundsätzlich Herausforderungen nennt, und die hinter all der Begeisterung irgendwie verblassen.

Etwas gedämpfter erzählt Ministerpräsident Georg Milbradt beim Mittagessen im Congress Center zu Krebsschwänzen in Kräutergelee und Kalbsmedaillon im Wirsingmantel vom schnellsten Mikrochip und vom Ende der Miesepetrigkeit. Dabei hat doch, wie Johannes Rau in seiner Tischrede vermerkt, schon Goethe, dessen Geburtstag auch noch auf diesen Ausflugstag fällt, bereits so viel Gutes über die Stadt gesagt, das dem kaum noch etwas hinzuzufügen sei.

Auf dem Rückflug mit dem alten Airbus der Luftwaffe fällt es den Botschaftern schwer zu sagen, was denn nun am eindrucksvollsten war. Das Konzert? Oder doch die Testfahrt? Gerade hat jeder ein Kärtchen bekommen, in dem sich der Oberbürgermeister noch mal für den Besuch bedankt. „The mayor“, sagt schließlich jemand. „Der Bürgermeister, der redet so gut.“ Und einen Extragang für steile Hügel scheint er auch zu haben.

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