Welt : Vom Müll ins Museum

Wie tausende berühmte Fotos nach mehreren Jahrzehnten zurück zu ihren Fotografen finden

Ulrike Simon

Es war im Jahr 1986. Fotografie galt noch nicht als Kunst, von Urheberrechten wusste man nicht viel. Dem Hamburger Magazin „Stern“ wurde es zu eng in seinen Räumen. So wurde beschlossen, mal richtig auszumisten. Alles, was man nicht mehr brauchte, wurde auf den Gang gelegt, um es wegzuschmeißen. So auch tausende Fotos, die damals noch nicht digitalisiert, sondern als Original-Abzug archiviert wurden. Es waren berühmte Zeitdokumente von noch berühmteren Fotografen darunter. Das legendäre „Oberauge“ des „Stern“, der 2004 im Alter von 81 Jahren gestorbene Rolf Gillhausen, der den fotografischen Stil des Magazins geprägt hat, hatte ihren Wert wohl nicht erkannt.

So schildert der Fotograf Robert „Bob“ Lebeck die Geschichte: Er habe diese Fotos in den „Stern“-Papierkörben gesehen und sie wieder herausgefischt, eine ganze Zeit lang – bis irgendwann angeordnet worden sei, die restlichen Fotos den Fotografen zurückzugeben. Bis dahin hatte sich der leidenschaftliche Sammler Lebeck die besten Stücke gesichert.

Im Jahr 2003 erzählte Ute Eskildsen, stellvertretende Direktorin des Essener Folkwang-Museums, dem bedeutenden Fotojournalisten und „Geo“-Mitbegründer Max Scheler kurz vor seinem Tod, dass einige seiner Fotos im Besitz ihres Museums sind. Das Register im Folkwang-Katalog, „Ein Bilderbuch“ aus dem Steidl-Verlag, listet tatsächlich eine stattliche Anzahl von Fotografien auf, die Lebeck damals aus dem Archiv des „Stern“ mitgenommen hatte.

Erstaunt erfuhr auch Stefan Moses, dass 212 seiner Bilder im Essener Museum sind. Der Fotograf Michael Friedel fand sich mit 130 Fotos wieder. Er wandte sich an das Folkwang-Museum und fand heraus, dass Lebeck vor einigen Jahren etwa tausend Fotos aus seiner Sammlung für lächerliche 3000 DM an das Museum verkauft hatte. Die besten behielt er für sich. Er bewahrt sie seitdem mit tausenden weiterer Fotos und Zeitschriften in einer eigens dafür angemieteten Drei-Zimmer-Wohnung in Berlin auf, andere in seinem Haus in Frankreich.

Friedel und Moses wollen jetzt klären, dass sie wieder als rechtmäßige Besitzer ihrer Fotos gelten. Zur Not, sagt Friedel, kaufen sie die Fotos eben zum selben Preis zurück, für den sie Lebeck verkauft hat. Ihr Wert liege ein Mehrfaches über den gezahlten drei Mark: Bei Versteigerungen erzielt er bis zu 1000 Euro pro Foto. Auch die Bilder, die Lebeck noch hat, wollen sie zurück. Friedel sagt, Lebecks Geschichte von den Papierkörben sei „grober Unfug“. Als freier Mitarbeiter des „Stern“ bekam er seine Fotos immer per Post zurück.

Vor kurzem traf er Lebeck in Berlin. Der brachte ihm elf seiner Fotos und 44 von Moses. Lebeck sagt, es tue ihm leid. Er sei sich keiner Schuld bewusst, und falls er im Unrecht sei, dann sei das längst verjährt. Die Fotografen sind immerhin froh, dass ihre Bilder, statt von der Müllabfuhr vernichtet zu werden, in wohltemperierten Räumen aufs Pfleglichste behandelt wurden.

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