Welt : Vom Öl überschwemmt, von der Regierung allein gelassen

Die Kritik der galicischen Küstenbewohner am spanischen Katastrophenmanagement wird lauter, die Angst vor dem Öl im Bauch des Wracks wächst

Ralph Schulze[La Coruña]

Drei Tage nach dem Untergang der altersschwachen „Prestige“ ist die Tankerkatastrophe vor der galicischen Küste längst nicht unter Kontrolle. Stündlich schwappen neue Ölteppiche an die Küste. Tausende Helfer führen mit Schaufeln und Eimern einen verzweifelten Kampf gegen die „schwarze Flut", die die Küste inzwischen auf einer Länge von über 300 Kilometern verseucht hat.

Das Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit macht sich unter der Küstenbevölkerung breit, für die das Meer Haupteinkommensquelle ist. Nur das benachbarte Portugal kann vorübergehend aufatmen, weil ein starker Südostwind die Ölfelder am Donnerstag Richtung spanischer Atlantikküste trieb.

Die Bekämpfung der Ölflut ist ein Kampf gegen Windmühlen: „Auch wenn wir eine Million Helfer wären", sagt ein frustrierter Soldat, „können wir wenig ausrichten – ohne Bagger und Lastwagen.“ Seine Kompanie wurde überstürzt, ohne Schutzkleidung und mit nichts als Spaten bewaffnet, an die Strände westlich von La Coruña abkommandiert. Monatelang wird das Heer der Helfer beschäftigt sein, zumal die Wellen ständig neue Ölflecken an das gerade gesäuberte Land spülen.

Auch draußen auf dem Meer mangelt es an Ausrüstung, um die Ölpest aufzuhalten: „Das einzige, was die Behörden uns gegeben haben, ist eine Kerze, um sie vor dem Schutzheiligen aufzustellen“, beschwert sich Muschelfischer Augustin Pose. Überall fehlen Ölbarrieren, um die riesigen Muschelbänke und Fischzuchtstationen Spaniens in den Buchten der zerklüfteten Küste zu schützen.

„Wir tun alles Menschenmögliche", versprach beim Ortstermin der spanische Umweltminister Jaume Matas, dessen Worte jedoch schnell im Wind verhallten. Eine Woche nach Beginn der Ölpest hatte er den Unglücksort erstmals besucht. Obwohl Spanien nur über ein einziges Spezialschiff zur Bekämpfung der Ölflut verfügt, nimmt es Hilfsangebote aus dem Ausland zögernd an. Dabei weiß niemand, was noch kommt, etwa was aus den 60 000 Tonnen Schweröl wird, die noch im Bauch der „Prestige“ in 3500 Meter Tiefe vermutet werden. Immer mehr Experten melden sich zu Wort, die glauben, dass das verbliebene Schweröl früher oder später austritt und den Atlantik verseucht.

Spaniens Regierung hat inzwischen zur ersten Bewältigung der Katastrophe vorab 60 Millionen Euro vom britischen „Prestige"-Schiffsversicherer P&I gefordert – angesichts der unklaren Rechtslage mit geringen Aussichten auf schnelle Zahlung. Und voraussichtlich ein Bruchteil des wirklichen Schadens, der schnell in die Milliarden gehen kann.

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