Welt : Vom Radar verschwunden

In der Ukraine ist eine russische Tupolew abgestürzt – die Unglücksmaschine flog oft nach Deutschland

E. Windisch[R. W. During],I. Golovanova

Für die meisten sollte es der gelungene Abschluss einer gelungenen Urlaubsreise werden: der Flug in die Heimat nach St. Petersburg. Gestartet war die TU-154 in Anapa, einem der beliebtesten und preiswertesten Kurorte auf dem schmalen Küstenstreifen des Schwarzen Meeres, der Russland nach dem Ende der Sowjetunion geblieben ist. Es wurde eine Katastrophe: Um 15 Uhr 37 Ortszeit – in Deutschland war es da zwei Stunden früher – empfing das Moskauer Flugleitzentrum den SOS-Ruf der Maschine, drei Minuten später verschwand sie von den Radarbildschirmen der Fluglotsen. Zehn Minuten später kamen die ersten Eilmeldungen der Agenturen. Zehn Besatzungsmitglieder und alle 160 Passagiere, unter ihnen 45 Kinder, sind tot.

Kurz vor dem Unglück meldete die Besatzung ein Feuer an Bord in 10 000 Metern Höhe, wie ein Sprecher des Katastrophenschutzministeriums in Moskau erklärte. Sie habe beschlossen, eine Notlandung zu versuchen. Das Wrack der Maschine wurde etwa zwei Stunden später in der Nähe der ukrainischen Stadt Donezk gefunden. Nach Angaben der Behörden geriet das Flugzeug offenbar in ein heftiges Gewitter und starke Turbulenzen. „Das Flugzeug wurde vermutlich von einem Blitz getroffen“, sagte eine Sprecherin des russischen Katastrophenschutzministeriums.

Noch vor den russischen Rettungsmannschaften, die kurz nach Bekanntwerden der Tragödie mit einer Sondermaschine zur Absturzstelle starteten, waren daher die ukrainischen Kollegen vor Ort. Sie bargen bereits die ersten 30 verstümmelten Todesopfer.

Eine Gewitterfront zu durchfliegen, ist wegen der Turbulenzen selbst für schwere Maschinen nicht ganz ungefährlich. Unklar ist bisher, ob der Pilot das Wagnis eingegangen ist oder aber, um die Schlechtwetterfront zu umgehen, auf Höhen von über 10 000 Meter ausgewichen ist, für die die Maschinen der Tupolew-Serie nicht zugelassen sind. Klarheit darüber wird es erst geben, wenn die Flugschreiber geborgen sind. Sie werden unter den Trümmern vermutet, die über mehrere Kilometer weit verstreut wurden. Teile brannten gestern Abend noch.

Die Maschine gehörte Pulkovo-Airlines. Das Unternehmen ist aus der in St. Petersburg stationierten Unterabteilung des Staatscarriers Aeroflot hervorgegangen, gehört zu den Großen der Branche und fiel bisher nicht durch Negativschlagzeilen auf. Einen Terroranschlag schließen Ermittler bisher offiziell aus. Ein Lokalsender berichtete allerdings, an Bord sei ein Brand ausgebrochen, die Besatzung habe eine Notlandung auf einem Feldstück versucht, dabei sei das Flugzeug zerschellt. Die abgestürzte Maschine hat nach Informationen des Tagesspiegels das Kennzeichen RA-85185. Eine Sichtung von privaten und offiziellen Fotoarchiven ergab, dass diese Maschine in der Vergangenheit oft verschiedene deutsche Flughäfen anflog.

Die russische Fluggesellschaft Pulkovo Aviation Enterprise entstand in den 90er Jahren im Rahmen der Aufsplittung der staatlichen Aeroflot aus deren St. Petersburger Division. Pulkovo unterhält auch eine tägliche Flugverbindung nach Berlin-Schönefeld, auf der in der Vergangenheit ebenfalls Maschinen des Typs Tupolew TU-154 zum Einsatz kamen. Sie werden in jüngerer Zeit zunehmend durch amerikanische Maschinen des Typs Boeing 737-500 ersetzt.

Pulkovo betreibt eine Flotte von Flugzeugen überwiegend russischer Bauart, neben der TU-154 auch die ältere, wegen ihres Lärms in Westeuropa verbotene TU-134 und den russischen Großraumjet Iljuschin IL-86. Sie gilt unter der Vielzahl von in den letzten Jahren in Russland entstandenen Airlines als sichere Gesellschaft. Bisher gab es nur einen Unglücksfall, als am 28. Juli 2002 eine IL-86 auf einem Positionierungsflug ohne Passagiere von Moskau nach St. Petersburg kurz nach dem Start abstürzte. 14 der 16 Besatzungsmitglieder kamen damals ums Leben.

Die dreistrahlige Tupolew TU-154 gilt als russisches Gegenstück zur amerikanischen Boeing 727. Die Produktion der in den 60er Jahren entwickelten Maschine wurde erst kürzlich eingestellt, nachdem mehr als 900 Flugzeuge ausgeliefert worden waren. Sie galt über Jahrzehnte als das Rückgrat der Luftfahrt in der ehemaligen Sowjetunion. Maschinen des als zuverlässig geltenden Typs waren häufig in schwere Unfälle verwickelt, doch gab es keine Hinweise auf konstruktive Mängel.

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