Welt : Vom Wechseln der Ideologien zum Wechseln der Windeln

Hendrik Bebber

In Großbritannien ist eine öffentliche Debatte über den Erziehungsurlaub des Premierministers entbranntHendrik Bebber

Tony Blair ist hin- und hergerissen, ob er nach der Geburt seines vierten Kindes Vaterschaftsurlaub nehmen wird. "Es gibt dafür starke Argumente," antwortet er verlegen auf entsprechende Fragen. "Aber ich bin schließlich auch verantwortlich, dass das Land ordentlich regiert wird. Ich werde mich wohl bald entschließen müssen."

Das "stärkste Argument" für eine baldige Entscheidung liefert seine Frau Cherie, die mit der Geburt am 23. Mai rechnet. Der 46-jährige Premier verneinte zwar, dass seine Frau Druck auf ihn ausübe, aber auf einer Konferenz für Arbeitnehmerrechte in London winkte die Rechtsanwältin deutlich mit dem Zaunpfahl. Sie lobte den finnischen Premier Paavo Lipponen, der schon zweimal Elternurlaub genommen hatte: "Persönlich finde ich, dass dieses leuchtende Beispiel überall Nachahmung finden soll."

Nach dem auch von Großbritannien eingeführten europäischen Arbeitsrecht können Väter unbezahlten Urlaub bis zu dreizehn Wochen nach einer Geburt beanspruchen. Genau genommen fallen Tony und Cherie Blair nicht in die Kategorie von "Arbeitnehmern", aber der Premierminister hat sich wiederholt für eine bessere Balance von Arbeit und Familienleben stark gemacht. Viele Bürger erwarten von der Labour-Partei ein Signal des gesellschaftlichen Fortschritts. Finanziell brauchen die Blairs bestimmt nicht darunter zu leiden. Als Staranwältin verdient Cherie mehr als doppelt so viel wie der Premierminister.

Der Geburtstermin liegt günstig für wenigstens eine symbolische Geste. Zum erwarteten Zeitpunkt der Geburt befindet sich das Parlament in den Pfingstferien und die kritischen Wahlen für den Londoner Oberbürgermeister und die Stadträte in vielen Gemeinden sind längst vorüber. Auch bei ausländischen Staatsbesuchen herrscht eine Pause. Mit einem kurzen Vaterschaftsurlaub könnte der Regierungschef immerhin beweisen, dass ihm das Windelwechseln so flott von der Hand geht wie der Ideologiewechsel bei seiner Labour-Partei.

Blairs Stellvertreter John Prescott ermuntert ihn ebenfalls, ein paar Wochen Vaterpause zu machen. Der Premierminister habe den "Schock" des ungeplanten Familienzuwachses schnell überwunden und freue sich sehr auf das Kind, verriet Prescott. "Er will seine Rolle in der Familie spielen, und ich tue alles, um ihm dabei zu helfen", meinte er im kameradschaftlichem Ton. Mit einem leichten Anflug des Bedauerns erinnerte sich der ehemalige Schiffsteward, dass er bei der Geburt seiner Kinder auf hoher See war: "Zu meiner Zeit war es leider anders. Vaterschaftsurlaub ist eine gute Idee des 21. Jahrhunderts."

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