Welt : Von der Fremdheit zur Intimität

Ruth Franziska Hoffmann

Wie werden zwei Fremde zum Paar? Mit dieser Frage beschäftigt sich seit Mai 2000 eine Forschungsgruppe der Technischen Universität Dresden. "Institutionalisierungsprozesse von Zweierbeziehungen" heißt die Studie lapidar. Dabei geht es eigentlich um etwas Romantisches: die Kennenlernphase. Um ihren Regeln auf die Spur zu kommen, hat der Soziologe Karl Lenz mit seinen drei Mitarbeitern bisher 30 Paare in den alten und neuen Ländern interviewt, 30 weitere sollen folgen. Dabei zeigte sich, dass "die kulturelle Differenz zwischen Ost und West bei Zweierbeziehungen geringer ist als bei der politischen Tradition", berichtet Mitarbeiter Holger Herma.

Befragt wurden Paare, die in den 50er, 70er und 90er Jahren zusammen gekommen sind. "Auf diese Weise können wir auch historische Veränderungen beobachten", erklärt Herma. Zum Untersuchungsmaterial gehören außerdem Liebesfilme, Romane, Texte populärer Schlager, Tagebücher und Ratgeber aus den drei Jahrzehnten. Zwar geht die Untersuchung auf Ost und West ein, sie sei jedoch nicht primär auf Vergleich ausgerichtet. "Wir wollen nicht herausfinden, wer der bessere Liebhaber ist", sagt Herma. Es gehe vielmehr um "die kleinen Prozesse", die ablaufen, bevor sich zwei Menschen nicht mehr "als Teile einer Personengruppe", sondern als Paar empfinden.

Bei den "Wendepunkten", die dahin führten, spielt der erste gemeinsame Sex nach bisherigen Erkenntnissen eine eher untergeordnete Rolle, viel wichtiger sei der erste Kuss als "sehr starkes Symbol für die Paarwerdung". Die Vorstellungen vom Ideal der romantischen Liebe seien im Osten wie im Westen "historisch stabil". Durchgängig sei vor allem der Anspruch auf die "Exklusivität der Beziehung" - eine "Dreierkonstellation" sei für die meisten "nicht denkbar". 2003 wollen sich die Forscher Krisen- und Auflösungsprozessen widmen.

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