Welt : Von Internethelden und Staatsfeinden

Der Fall „The Real Sabu“ zeigt, wie unterschiedlich Hackerorganisationen in den USA und Deutschland betrachtet werden.

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Anonymous. Die Maske ist das Markenzeichen der Organisation. Foto: Mehdi Fedouach/AFP
Anonymous. Die Maske ist das Markenzeichen der Organisation. Foto: Mehdi Fedouach/AFPFoto: AFP

Zwei Dinge sehen amerikanische Medien so wie die deutschen: „The Real Sabu“ war ein Kriegsname für das Internet, in Wirklichkeit heißt der Mann Hector Xavier Monsegur. Und: Er ist die Schlüsselfigur in dem bedeutenden Schlag, den das FBI jüngst gegen die Hackerszene führte. Weil Sabu, der dort eine bewunderte Berühmtheit war, mit dem FBI kooperierte, wurden in der vergangenen Woche mehr als zwei Dutzend Mitstreiter der Hackerbewegung „Anonymous“ in den USA, Großbritannien und Irland verhaftet.

Ansonsten fällt auf, wie unterschiedlich die Tonlage ist. Deutsche Medien beschreiben Hackerorganisationen wie Anonymous und LulzSec vorwiegend mit Sympathie. Nach ihren Darstellungen dringen diese in Computersysteme von Regierungen und Konzernen ein, weil sie denen misstrauen und mehr Transparenz und demokratische Kontrolle anstreben. Finanzielle Interessen verfolgten sie in der Regel nicht. Sie seien mit Greenpeace vergleichbar und zeigten Mut. Bei Sabu wird hervorgehoben, dass er ein Fan der New York Giants und derzeit arbeitslos sei und in einer Sozialwohnung in Manhattan wohne. Neuerdings gilt er freilich als „Verräter“, weil er mit dem FBI kooperierte und andere Hacker auffliegen ließ.

US-Medien beschreiben die Hacker eher als Gesetzesbrecher. Weil sie oft sehr jung sind und kein gefestigtes Weltbild haben, könnten Kriminelle und Terrororganisationen sie für ihre Ziele missbrauchen. Viele Hacker machten gemeinsame Sache mit den Verbrechern und kassierten ab. Sabu passt in dieses Bild. Untypisch ist sein hohes Alter von 28 Jahren. Dafür hatte er bereits eine dicke Ermittlungsakte. Das machte ihn zu einem natürlichen Ziel für das FBI. In den USA ist es bei komplizierten Ermittlungen üblich, dass die Strafverfolger einen Deal mit den nicht ganz so großen Fischen abschließen, um an ihre bedeutenderen Hintermänner heranzukommen: Strafmilderung im Austausch für Beweismaterial.

Die gegen Sabu vorliegenden Anklagepunkte reichen für 122 Jahre Gefängnis, sofern ein Richter für jedes Delikt die Höchststrafe verhängt. Dazu gehören illegaler Waffenbesitz, Kreditkartenbetrug, Hehlerei mit gestohlenen Juwelen, Dealen mit Drogen und verschreibungspflichtigen Arzneien und das illegale Eindringen in Computernetzwerke. Im besten Fall kann er seine Strafe auf zwei Jahre Gefängnis reduzieren.

Ein Kontrast zeigt sich auch darin, welche Journalisten in den USA und Deutschland sich überwiegend mit der Hackerszene befassen. In beiden Ländern tun das die Experten für die neuen Medien, in Amerika aber auch die angesehenen Spezialisten für nationale Sicherheit. Sie schreiben darüber mit ähnlicher Verve wie über Chinas Aufrüstung und Irans Atomprogramm. FBI-Chef Robert Mueller warnte vor zehn Tagen auf der RSA in San Francisco, einer bedeutenden Fachkonferenz für den Schutz von Computersystemen: Cyberangriffe würden den Terrorismus schon bald als größte Gefahr ablösen. Hacken als Bedrohung der nationalen Sicherheit? Diese Frage stellen deutsche Medien seltener. Sie betrachten die Szene eher als kulturelles Phänomen.

In der „New York Times“ beschreibt Misha Glenny, der seit geraumer Zeit das soziologische Umfeld untersucht, seine Erkenntnisse. Ein Großteil seien Teenager, ein untypisches Ermittlungsziel für das FBI. 15 Jahre sei „ein mittleres Alter“ in Hackerkreisen, schreibt Glenny, der für den britischen „Guardian“ über die Balkankriege berichtete und heute an der Columbia-Universität lehrt. Ein auffallend hoher Anteil zeige neben der ungewöhnlichen technischen Begabung Symptome, die man in klinischen Studien als Anzeichen für Autismus oder Asperger-Syndrom werten würde. Er erzählt den Fall des Deutschen „Markus“, der im Alter von 14 Jahren von Internetkriminellen angeworben wurde, als er „noch keinen klaren moralischen Kompass“ hatte. „Wir müssen auf diese jungen Menschen aufmerksam werden, bevor das organisierte Verbrechen sie anwirbt“, und „ihr Talent auf positive Ziele ausrichten“.

Glenny warnt einerseits vor dem amerikanischen Verfolgungsansatz, der jeden Gesetzesbruch im Internet gleichermaßen verfolge, ohne zu unterscheiden, ob kriminelle, politische oder idealistische Motive dahinterstecken. Andererseits wendet er sich gegen die romantische Interpretation, die in Hackern vorwiegend Weltverbesserer sehen möchte. „Es ist nicht zu leugnen, dass viele es auf unsere Geldbeutel abgesehen haben.“ Gruppen wie Anonymous und LulzSec zeigten große Widersprüche. Sie geben vor, uneigennützig für Transparenz und namentlich benennbare Verantwortung einzutreten, wollen aber selbst anonym bleiben und sich keiner Kontrolle unterwerfen.

So wiederholen sich im Fall Anonymous die Reflexe im Umgang mit Wikileaks und Julian Assange: für viele Deutsche ein Held, für die meisten Amerikaner ein Schurke, der Menschen in Lebensgefahr bringt. Das FBI hat Sabu übrigens die Aufnahme in das Zeugenschutzprogramm und eine neue Identität angeboten – was so gar nicht zum Bild von der friedlichen, idealistischen Hackerszene passt. Er habe Gründe zur Furcht, dass viele ihm jetzt nach dem Leben trachten.

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