Von Riga nach Berlin : 1300 Kilometer in 22 Stunden

Unser Reporter Sven Goldmann hat sich das verlängerte Wochenende im lettischen Riga anders vorgestellt - jedenfalls die Rückkehr. Wegen des Vulkanausbruchs in Island fährt er mit dem Bus zurück nach Berlin, statt zu fliegen. Ein Reisebericht.

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Gähnende Leere beim Check-in auf dem Riga International Airport.
Gähnende Leere beim Check-in auf dem Riga International Airport.Foto: dpa

Die Frau an der Rezeption hat zweimal nachgefragt. Das mag an unserem Lettisch (null) liegen oder an ihrem Englisch (bescheiden), wahrscheinlich aber daran, dass sie uns für arme Irre hält. Eine kurze Zusammenfassung des morgendlichen Gesprächs in unserem Rigaer Hotel: „Sie wollen wirklich nicht noch eine Nacht bleiben?“ – „Nein.“ – „Aber der Flughafen ist immer noch geschlossen!“ – „Wir fahren mit dem Bus.“ – „Nach Berlin? Das sind doch 1000 Kilometer und dauert bestimmt 20 Stunden!“ – „Nein, 1300 Kilometer in 22 Stunden.“ Da hat die Frau an der Rezeption die Augen verdreht und das Gespräch beendet.

Ich hatte mir das mit dem verlängerten Wochenende mit einem Freund in Riga auch anders vorgestellt. Jedenfalls die Rückkehr. Es ist nämlich ganz gut losgegangen, mit einem unerwarteten Treffen am Flughafen Tegel. Ein lettischer Eishockeyspieler läuft uns über den Weg, großes Hallo, wir verabreden uns auf ein Bier für den Abend. Bei dieser Gelegenheit erzählt er uns von unserem großen Glück: „Habt ihr von dem Vulkan gehört? Noch eine Stunde später, und wir wären nicht mehr aus Berlin rausgekommen“. Darauf gleich noch ein Bier.

Es häufen sich in der Folgezeit die SMS aus der Heimat, die Fragen besorgter Freunde, wie wir denn wieder nach Hause kommen würden. Wir nehmen das nicht weiter ernst. Der Himmel über Riga ist strahlend blau. Was interessiert uns eine Vulkanwolke auf Island? Bis zum Sonntag wird sie sich schon verzogen haben. Hat sie bekanntlich nicht. Am Sonntag fahren wir zum Flughafen, er ist gespenstisch leer, mal abgesehen von der Schlange vor dem Infoschalter von Air Baltic. Nach einer Stunde sind wir an der Reihe, und die Frau am Schalter sagt, sie könne uns gern auf den nächsten Flug umbuchen, „aber ich an Ihrer Stelle würde den Bus nehmen“.

Wir bemühen uns um Alternativen. Für den nächsten Tag aber ist nur ein Flug angekündigt, mit Uzbekistan Airlines nach Moskau, was nicht ganz unsere Richtung ist. Dann eben mit dem Zug. Bedauere, sagt die Frau am Rigaer Bahnhof, „wir haben nur zwei Züge“, einer fährt nach St. Petersburg, der andere nach Moskau. Die Fähren zu den deutschen Ostseehäfen werden entweder gerade gewartet, sind total überbucht oder rufen Preise auf, die sich nicht ganz in unser Reisebudget fügen. Es gibt dann noch die Möglichkeit einer spannenden Ostseetour: Mit dem Bus von Riga nach Tallin, mit der Expressfähre hinüber nach Helsinki, weiter mit dem Zug nach Turku, von dort aus mit der Fähre nach Stockholm und dann mit dem Zug nach Berlin. Das würde eine knappe Woche dauern und mir einen Termin beim Scheidungsanwalt einhandeln.

Also doch mit dem Bus.

Ein Texaner zeigt uns den Busbahnhof in der Rigaer Altstadt, er selbst sucht eine Mitfahrgelegenheit nach Madrid. Wir kaufen ein Ticket für den Bus nach Bielefeld, der netterweise in Berlin hält. Die Frau am Schalter verrät uns, dass normalerweise täglich ein Bus fährt, für Montag aber sind acht eingeplant, „Sie haben ja vielleicht von dieser Vulkanwolke gehört“. Am nächsten Vormittag stehen wir vorsichtshalber eine Stunde früher auf Plattform 1, wie geschätzt 500 andere, die nach Berlin wollen. Keineswegs alles Deutsche, sondern auch Engländer, Australier und auffallend viele Franzosen. „Von Berlin aus kommt man mit dem Zug aus schnell überall hin“, erzählt eine Frau, sie will gleich am nächsten Tag weiter nach Paris.

Ein Bus fährt vor, alles stürmt zur Tür, aber einsteigen darf nur, wer seinen Namen auf der Passagierliste vorn an der Scheibe findet. Weil das ganze mit Ausweiskontrolle, Gepäckabgabe und allerlei Missverständnissen verbunden ist, herrscht bald ein hübsches Chaos auf Plattform 1. Weiter hinten steht ein halbleerer Bus, er fährt nach Sofia, und für einen kurzen Moment schätzen uns glücklich über unsere 22-stündige Kurzreise.

Nach einer Stunde haben wir unseren Bus gefunden. Zu unseren Mitreisenden gehören ein paar halbwüchsige Berliner, sie spielen auf dem Bahnsteig Bahnhof und haben es gar nicht so eilig, nach Hause zurück in die Schule zu kommen. Ein Australier steigt ein, er sieht bleich aus und verrät uns, dass er die ganze Nacht sehr aktiv an der Theke verbracht hat. Glücklicherweise sitzt er zehn Reihen hinter uns. Eine hinkende Slowenin schwatzt unserer Reisebegleiterin Irina ein letztes Ticket ab. Sie hatte sich schon darauf eingestellt, auf den nächsten freien Bus am Freitag zu warten. Vor uns sitzt die Französin, die über Berlin nach Paris will. Sie holt alle paar Minuten den Schminkspiegel aus der Handtasche, was den Vorteil hat, dass sie nichts mitbekommt von den waghalsigen Überholmanövern unseres Fahrers Igor.

Die Landschaft ist sehr abwechslungsreich, auf Birkenwälder folgen Kiefernwälder und dann wieder Birkenwälder. Wir überqueren die Grenze nach Litauen und erreichen nach vier Stunden Vilnius, eine architektonische Symphonie aus sozialistischem Beton. Irina gestattet fünf Minuten Raucherpause – zu wenig, um einen Kiosk zwecks Proviantbeschaffung zu finden. Die Basketballjungs dribbeln um den Bus, der Australier schnarcht. Weiter, Kiefern, Birken Kiefern. Am nächsten Rastplatz finden wir einen Kiosk, aber die Verkäuferin verordnet: „Only lithuanian money“, und das hat überraschenderweise niemand dabei.

Bei der Einreise nach Polen werden wir streng kontrolliert, zusammen mit den aufwändigen Grenzanlagen erinnert ein wenig an die Zeit vor 1989. Unser Fahrer Igor legt eine Kassette ein und übertönt den Motor mit Musik, wie sie in ein paar Wochen beim Grand Prix zu erwarten ist, allerdings ohne Lena Meyer-L. Dabei drückt er ein bisschen zu heftig aufs Gas, es blitzt, und 500 Meter weiter verlangt die polnische Polizei Sofortkasse. Zwei angeheiterte Berliner prosten sich zu und singen ein Refrain der völlig zu Unrecht vergessenen Band Illegal 2001 mit dem schönen Refrain: „Ich trinke täglich Dosenbier denn Dosenbier macht schlau!“

Der Duft im Bus entfaltet ein interessantes Eigenleben, was auch daran liegen mag, dass es nur eine Toilette gibt. Meine Augen fallen zu, aber immer nur für ein paar Minuten, bis Igor den Bus über eine Betonkante jagt oder vor einem LKW in die Eisen geht. 200 Kilometer vor Berlin halten wir ein letztes Mal an einer Raststätte. Die Toilettenfrau akzeptiert anstandslos den Vierteldollar, den ich sonst als Pfandmünze für Einkaufswagen verwende. Die Basketballjungs nörgeln, was das denn mit diesen dauernden Raucherpausen soll, wahrscheinlich freuen sie sich mittlerweile auf die Schule. Kurz vor der Grenze geht die Sonne auf. Bei Schönefeld ein letzter banger Blick nach links: Ja, alle Flugzeuge sind am Boden, nichts würde uns nach dieser Nacht im Bus schwerer treffen als die Nachricht, dass oben wieder geflogen wird.

Um halb acht sind wir am Busbahnhof unterm Funkturm. Die hinkende Slowenin nimmt ein Taxi zum Hauptbahnhof. Die Französin fährt lieber zum Ostbahnhof, „das ist eine Station früher auf dem Weg nach Paris, ich will doch einen Sitzplatz“. Der Australier trinkt eine Flasche Mineralwasser auf Ex und die Basketballjungs warten auf ihre Eltern.

Die Flüge von Riga nach Berlin sind übrigens bis einschließlich Dienstag komplett ausgefallen. Am Mittwoch um 18 Uhr geht das erste Flugzeug.

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