Welt : Vor uns die Sintflut

Der Tropensturm „Stan“ lässt weite Teile Mittelamerikas in Schlamm und Chaos versinken

Sandra Weiss

Guatemala-Stadt - Erdrutsche, Regenfälle, die nicht enden wollen, überschwemmte Straßen, eingestürzte Häuser – die Folgen des Tropensturms „Stan“ in Mittelamerika sind verheerend. „Die ganze Nacht lang regnete es, und gegen acht Uhr morgens stürzte plötzlich eine Lawine aus Schlamm, Bäumen und Steinen auf uns nieder“, schildert noch völlig entsetzt Samuel Cif aus dem guatemaltekischen Dorf Tecpan, wo ein Erdrutsch Dutzenden von Menschen das Leben kostete.

„Meine Nachbarn konnten sich zwar retten, aber ihre Kinder schafften es nicht mehr aus dem Haus. Sie sind verschwunden, wir können sie nicht finden“, fügt er schluchzend unter strömendem Regen hinzu. Von dem Dorf westlich der Hauptstadt und seinen Lehm- und Holzhütten ist nichts mehr übrig außer einem Berg Schlamm, aus dem Kleidungsstücke, Häuserreste und Bäume herausragen.

Ein weiterer Erdrutsch ereignete sich in der Nacht zum Freitag in dem auch bei Touristen beliebten Ort Atitlan in der Nähe von Guatemala-Stadt. An den Folgen des Unwetters starben in Guatemala mindestens 134 Menschen, in ganz Mittelamerika und dem Süden Mexikos 225; mehr als 250000 Menschen verloren ihr Hab und Gut. Meteorologen zufolge wird es noch bis Samstag weiterregnen.

Die Verletzlichkeit der Region bei Naturkatastrophen hat ihre Ursachen auch in Umweltzerstörung durch Abholzung und Zubetonierung der Landschaft. Ein weiterer Grund ist die Armut, die einen Großteil der Menschen dazu zwingt, ihre armseligen Hütten an gefährlichen Abhängen oder an Flussufern zu errichten, an denen Bauen aus Sicherheitsgründen eigentlich verboten ist. Vielen dieser Menschen drohen in Zukunft weitere Katastrophen.

Besonders betroffen ist derzeit neben Guatemala auch El Salvador, wo mindestens 65 Menschen von reißenden Flüssen oder Schlammlawinen in den Tod gerissen wurden. Die Straßen waren an mehr als 700 Stellen durch Erdrutsche blockiert. Ein starkes Erdbeben am Abend und der Ausbruch des Vulkans Ilamatepec im Westen des mittelamerikanischen Landes lösten unter der Bevölkerung Panik aus. Dutzende Dörfer am Abhang des Vulkankegels mussten evakuiert werden. Doch viele Menschen weigerten sich aus Angst vor Plünderungen, ihre Behausungen zu verlassen. Die Regierung drohte mit Zwangsevakuierungen. „Die Not ist größer als unsere Rettungskapazität“, sagte ein Sprecher des Roten Kreuzes in El Salvador. Auch die südmexikanische Stadt Tapachula wurde komplett von der Außenwelt abgeschnitten, die Telefone funktionierten nicht, Zufahrtsstraßen waren unpassierbar, Brücken eingestürzt. Alleine im Süden Mexikos wurden 40000 Menschen mittellos, 50000 mussten evakuiert werden.

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