• Vorgelesen: Hellmuth Karasek über Alexander Tismas "Der Gebrauch des Menschen"

Welt : Vorgelesen: Hellmuth Karasek über Alexander Tismas "Der Gebrauch des Menschen"

Der 1924 geborene serbische Schriftsteller Alexander Tisma, dessen Vorfahren Juden und Ungarn waren, wuchs in Novi Sad auf, einer Stadt, die, vom Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn geprägt, bis zum Zweiten Weltkrieg vom relativ friedlichen Zusammenleben von Serben, Ungarn, Juden und Deutschen (den "Donauschwaben") geprägt war. Mit dem Krieg brachen fürchterliche Verheerungen über das Land, die Provinz Wojwodina herein, die Tisma in seinen großen realistischen Romanen, die aus der scheinbar subjektiven Perspektive der Opfer, der Täter, der Überlebenden (die sich schuldig fühlen, auch weil sie überlebt haben) ein Pandämonium von Hass, Gewalt und Vernichtung beschwören. Dass diese nationalistischen und rassistischen Konvulsionen bis in die Gegenwart nachwirken, war zu spüren, als Novi Sad (und die von Nato-Raketen zerstörte Donaubrücke) während des Kosovo-Krieges wieder heimgesucht wurde. Im Roman "Der Gebrauch des Menschen" (1991) zeigt Tisma, wie die nachkakanische Welt der Vernichtung durch Krieg, Partisanenkampf, Nazi-Okkupation und Kollaboration anheimfällt: Das bürgerliche Leben der Menschen wird zermahlen, ohne Ansehen der Person, ohne Unterschied zwischen Schuldigen und Schuldlosen. Die Fragen von Schuld und Unschuld beschwören in bedrängenden Bildern und Heimsuchungen der Erinnerung die Romane "Das Buch Blam" (1995) und "Der Kapo" (1987). Blam, ein Hiob des 20. Jahrhunderts, überlebt durch die Gunst eines Nazi-Kollaborateurs, der mit Blams Frau ein Verhältnis hat. Der Kapo ist zum Opfer prädestiniert und schlägt sich im KZ auf die Seite der Mörder: Romane der unentrinnbaren Erinnerung.

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