Welt : Vorgelesen: Hellmuth Karasek über den Roman "Schicksal" von Tim Parks

Am Morgen steht der britische Italienkorrespondent Christopher Burton an der Rezeption eines Londoner Hotels in Knightsbrigde und will seinen Aufenthalt verlängern. Er ärgert sich ein bisschen, dass die hübsche Rezeptionistin ihre Aufmerksamkeit auf ihn und ein Telefonat verteilt - bis er merkt: Das Telefongespräch betrifft ihn auf schreckliche Weise. Sein Sohn, an Schizophrenie erkrankt und in einer Klinik in Italien untergebracht, hat Selbstmord begangen, indem er sich mit einem Korkenzieher die Pulsadern aufgestochen hat. Und der Schrecken im Schrecken: Burton denkt nur an eines: dass er sich jetzt, nach 30 Jahren Ehe, von seiner italienischen Frau trennen wird. Ein gewaltiger, verstörender Einstieg für "Schicksal", den bei Kunstmann erschienenen Roman des britischen Autors Tim Parks (der gerade auch einen fulminanten Essay-Band auf dem deutschen Markt hat). Eine Sturzflut wilder, bald banaler, bald erkenntnisblitzartiger Assoziationen aus zwei Tagen, in denen Parks das (bis dahin) erfolgreich gescheiterte Leben des Schriftstellers, Korrespondenten, Ehemannes und Vaters kathartisch aufrollt. Dass auf der überstürzten Rückreise nach den Ursachen des verpfuschten Familienlebens gesucht wird, dass die Wunden dabei aufgedeckt werden, dass sich ein geplantes Interview mit Andreotti, das Attentat auf Moro, der Tod eines großen italienischen Theaterregisseurs und seine wirren Privatverhältnisse in den Gedankenketten mischen - bis der Held erkennt, wie sinnvoll vertan sein Leben war, macht den inneren Monolog zum Panorama eines zeitgenössischen Bewusstseins.

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