Welt : Vorgelesen: Hellmuth Karasek über Don de Lillos Roman "Körperzeit"

Sechzig Seiten lang beschrieb Don De Lillo in seinem großen Roman "Unterwelt" (1997) den homerun in einem legendären Baseball-Spiel zwischen den Dodgers und den Giants 1951, als Ouvertüre zu einem 900-Seiten-Werk über den Kalten Krieg, den Müll, die Kunst in der Wüste, das Älter-werden und den Tod.

Dreißig Seiten lang schildert De Lillo in seinem soeben erschienenen Roman Körperzeit (deutsch von Frank Heibert) minutiös ein Frühstück in einem Ferienhaus nah der Küste, das der längst vergessene Kultfilmregisseur Rey und seine 36-jährige Frau, die Performance Künstlerin Lauren miteinander und aneinander vorbei zubereiten - dann sitzt der Mann im Auto, wortlos, fährt nach New York und erschießt sich im Lehnstuhl bei seiner ersten Frau. De Lillo erzählt von der Zeit danach in seinem 140-Seiten-Roman: von der Einsamkeit der Zurückgebliebenen, die von einem seltsamen Gast aufgehoben und belästigt wird. Ist der Sprachverstörte und scheinbar aus der Zeit gefallene Besucher (den die Künstlerin als Anregung für eine Performance verarbeitet) eine tröstlich erschreckende Halluzination, um den Tod zu verarbeiten? Handelt es sich um einen Landstreicher, um einen Debilen, der einer Haftanstalt entsprungen ist? Egal, die Antwort lautet: Es geht um die Auseinandersetzung mit dem Tod und dem übrig gebliebenen Leben.

Aus einer kleinen, scheinbar beiläufigen Geschichte wird ein Riesenthema. De Lillo spielt dabei auf einer gewaltigen Klaviatur: Es geht um die Grenzen und Möglichkeiten des Erzählens, und dabei sprechen Kassettenrecorder, Anrufbeantworter und Live-Übertragungen vom Computer mit; es gibt die "unerzählerische Zeit" und "Tage, die so langsam vergehen, dass es wehtat".

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