Welt : Vorgelesen: Hellmuth Karasek über "Eine Verzweiflung" von Yasmina Reza

"Kunst" heißt die tiefsinnige Gesellschafts- und Boulevardkomödie, die zum größten weltweiten Theatererfolg der letzten Jahre wurde. Über den Wert und Sinn eines monochromen Bildes zerstreiten sich zwei Freunde bis auf den Grund ihrer Existenz. Jetzt hat Yasmina Reza, die 1957 geborene, in Paris lebende Autorin, Regisseurin und Schauspielerin, einen schmalen Roman auf Deutsch vorliegen: "Eine Verzweiflung". Er handelt von einem alten, grantelnden, verzweifelten Mann (einem entfernten Verwandten der Beckettschen Helden), der in einem Monolog auf der Schwelle zum Tod ein zynisches und trauriges, von höhnischem Gelächter getragenes Resümee seines geschäftlich erfolgreichen, sonst jedoch ziemlich verpulverten Lebens zieht. Ein Monolog, wie gesagt: Und wenn sich der Alte daran erinnert, wie sein Vater ein Leben lang ein Sauberkeitsfanatiker war und der Sohn ihm deshalb nach dem Tod mit Schwamm und Bürste den Grabstein sauber hält, dann wird klar, was der Alte selbst an Nachleben, an Lebenssinn erwartet. Trotzdem ist der Roman nicht grabesschwer, sondern liest sich leicht, stellenweise heiter. Zwar verachtet der Greis das Nichtstun seines Sohnes, zwar erfährt er die Zuneigung der von ihm entfremdeten Frau nur dadurch, dass sie ihn von Zeit zu Zeit schlägt. Aber mit einer schönen verblühten alten Dame, der er den Hof macht, erfährt er auch die Süße der Erinnerung - wenn er im Restaurant auf einen ihrer ehemaligen Galane losgeht, der ihren Liebsten auf dem Gewissen hatte. Einst. Aber, oh Schreck: Es ist eine Verwechslung.

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