Welt : Vorgelesen: Hellmuth Karasek über Joseph Hellers "Something Happened"

Es ist ein auf faszinierende Weise ermüdendes Buch: der 600-Seiten-Monolog Bob Slocums in Joseph Hellers 1974 erschienenem Roman "Something Happened" (deutsch: "Was geschah mit Slocum?"). Gewiss nicht so populär wie Hellers (auch erfolgreich verfilmter) Satire-Roman "Catch 22" (1961) ist doch auch "Something Happened" die satirische Schilderung dessen, was ein Kollektiv mit dem Einzelnen anstellt, wenn er sich dem Ganzen aus Notwendigkeit und Karrieregründen hingibt und von ihm aufgezehrt wird. War es in "Catch 22" die verrückte Kriegs- und Militärmaschinerie, so ist es in "Slocum" die Bürowelt, die Allmacht einer company und deren Forderung nach corporate identity, die Slocums Privatleben aufsaugt und ihn für die Karriere präpariert.

Das Buch ist (für mich) der erste große Büro-Roman einer Wohlstandsgesellschaft, die keine materiellen Sorgen mehr kennt und deren Mitspieler beim Pendeln zwischen der Firma und der Feierabend- und Familienödnis in Suburbia in zynischer Abstumpfung ihr Leben verspielen. Hellers Roman, der es versteht, Monotonie komisch und unterhaltsam zu gestalten und der in Slocums Monologen die sinnentleerte Slogan- und Phrasensprache des mittleren Managements zum Reden bringt, zeigt die Zerstörung der Menschlichkeit seines Helden in einem fast biblischen Sohnesopfer: Nach einem Unfall tötet der traurige Held und Aufsteiger seinen geistig zurückgebliebenen Sohn, das einzige Pfand der Liebe, das er in seiner komfortablen Nicht-Welt besitzt.

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