Welt : Vorgelesen: Hellmuth Karasek über Martin Walsers "Ehen in Philippsburg"

Die Stadt Philippsburg im Südwesten Deutschlands gibt es, sie ist eine AKW-Stadt, mit den Kernkraftwerken I und II. Martin Walsers Roman "Ehen in Philippsburg" wurde 1957 geschrieben, also fast zehn Jahre vor der Installation der Kraftwerke, und er meint auch nicht das reale Philippsburg, sondern, symbolisch, eine deutsche Großstadt, für die Stuttgart Modell gestanden hat. Stuttgart, in den fünfziger Jahren, als Walser als junger Reporter zum SDR kam, war eine der am stärksten boomenden Wirtschaftswunderstädte. Von diesem Aufstieg, der auch ein Weg in die politische Restauration war, handelt der Roman.

Der Held Hans Beumann - er stammt als Bauernbursche aus (dem ebenfalls symbolisch gemeinten) Kümmertshausen - macht Karriere als Pressesprecher und als Schwiegersohn in spe eines Industriellen. Er wird in die Gesellschaft (den Sebastiansorden in der Sebastiansbar) aufgenommen, er verrät seine Herkunft, tritt sie mit Füßen und erlebt, wie die Teilhabe am neuen Wohlstand andere zerstört: den Arzt, der seine Geliebte und die Ehe ruiniert, den Anwalt, der aus Rücksichtslosigkeit und Egozentrik einen Mopedfahrer totfährt, den Schriftsteller, der sich in diesem Zerissenheitsdilemma, in dem alle Figuren stecken, umbringt.

Schon in seinem ersten Roman erweist sich Walser als witzig verspielter Gesellschaftskritiker, dessen moralischer Impuls sich auch aus narzisstischer Selbstverachtung speist. Die Stuttgarter Atmosphäre, die Intrigen um eine Intendantenwahl beim Rundfunk, all das ist glänzend beschrieben. Wie fast alle Bücher Walsers handelt es vom Verrat an der Herkunft und ist ein genaues Porträt der Nachkriegsgesellschaft.

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