Welt : Vorgelesen: Hellmuth Karasek über Maupassants Roman "Stark wie der Tod"

Guy de Maupassant war 39 Jahre alt, als er den Roman "Stark wie der Tod" schrieb - ein Buch der Altersangst und des Alterselends, und nur wenige Jahre später, 1893, fand der 43-Jährige, der, körperlich verfallen, nach einem Selbstmordversuch in einer geschlossenen Anstalt im Wahnsinn dahinvegetierte, den Tod.

Auch Maupassants Held, der erfolgreiche Gesellschaftsmaler der Zweiten Republik Bertin, sucht und findet in tiefer Verzweiflung den Tod, indem er sich vor einen Pferde-Omnibus wirft. Als Geliebter einer Gräfin, deren Porträt er malte, hat er sich für lange Jahre in einer ménage à trois arrangiert; jetzt, im Alter, überfällt ihn die Einsamkeit, er verkümmert als Künstler und im Junggesellenleben, obwohl die Zuneigung zwischen ihm und seiner Geliebten ungebrochen ist, durch die ständige Eifersucht sogar angefacht wird. Als ihre Tochter vom Lande in die Pariser Gesellschaft zurückkehrt, droht er sich in das junge Mädchen zu verlieben, in dem er die Wiedergeburt seiner frühen Liebe zu ihrer Mutter erlebt.

Maupassant, ein Meister einer nuancenreichen Liebespsychologie (und als solcher ein Vorläufer Prousts), siedelt im Luxus der Fin-de-siecle-Gesellschaft eine schonungslos betriebene Verfallsstudie des Alterns an, bei der auch die äußerlichsten Parallelen zur heutigen Spaß- und Wellness-Gesellschaft frappant sind: Diätpläne, Fitnessprogramme, Zerstreuungen, all das erscheint als albern verlorene Liebesmüh.

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