Welt : Vorgelesen: Hellmuth Karasek über Nikolai Gogols "Tote Seelen"

Tote Seelen, das sind im feudalistisch zaristischen Russland verstorbene leibeigene Bauern, die bis zur nächsten amtlichen Revision, oft noch bis zu zehn Jahren auf den Listen der Gutsbesitzer erscheinen. Tschitschikow, der Held von Nikolai Gogols Roman "Tote Seelen" (der erste Band erschien 1842, der zweite fragmentarische Teil 1855, drei Jahre nach Gogols frühem Tod), taucht mit seiner Kutsche, seinem betrunkenen Kutscher und seinem ungewaschenen Diener in der Provinz, einem gottverlassenen, verkommenen Gouvernementstädtchen auf, um den Gutsherren diese "Toten Seelen" abzukaufen, mit denen er sich einen Bankkredit ergaunern will.

Obwohl der Roman ein Torso geblieben ist und Gogol den zweiten Teil immer wieder revidierte und verbrannte, weil ihm die "Läuterung" seines Helden, der Ausweg aus Nichtigkeit, Nutzlosigkeit und gemeiner Habgier der heruntergekommenen Feudalherren, der eigentlichen Toten Seelen, nicht glückte, ist der erste Teil für mich eines der grandiosesten Bücher der Weltliteratur:eine Satire von gnadenloser Scharfsicht, eine Komödie menschlicher Schwächen, Hässlichkeiten und Eitelkeiten, voll von glänzend beobachteten Details an Menschen, ihren Behausungen, ihren Verhältnissen - ein Buch von wahrhaft swiftschen Ausmaßen.

Bei Thomas Mann habe ich gelesen, wie Gogol Puschkin den Roman vorgelesen hat: Puschkin habe sich vor Lachen geschüttelt und sei dann todtraurig geworden. Ich schwöre, so muss es heute noch jedem Leser gehen, der die Kutschfahrten Tschitschikows durch den dunklen Morast Russlands lesend begleitet. Das Buch ist ein Fels dichterischer Wahrheit.

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