Welt : Vorgelesen: Hellmuth Karasek über Peter Stamms "Ungefähre Landschaft"

Kathrine, die Heldin von Peter Stamms schmalem Roman "Ungefähre Landschaft" (Arche Verlag, Zürich/Hamburg, 192 Seiten, 36 Mark) ist 28 Jahre alt, Zöllnerin in einem norwegischen Dorf nördlich des Polarkreises, hat ein Kind aus erster Ehe, und ihre zweite Ehe scheitert gerade.

Da sie den Polar-Norden noch nie verlassen hat, aber in e-Mail-Kontakt mit einem jungen Mann steht, den die Fischverarbeitungsindustrie in die Welt hinaus trägt, folgt die sich als gescheitert Fühlende dem Brieffreund - zum ersten Mal überschreitet sie dabei den Polarkreis nach dem Süden.

Ihre Flucht führt zunächst nach Frankreich - aber dann auch wieder zurück nach Norwegen. Denn das, was sie verloren hat und sucht, findet sie auch auf dieser Reise nicht: Karg, spröde und poetisch, mit einem scharfen Sinn für die verschwommenen Konturen der Seele beschreibt der Schweizer Autor fast klaglos, aber mit großer Anteilnahme das frühe Scheitern eines Lebens, einer Lebenshoffnung.

Wie in seinen bisherigen Büchern, dem Überraschungserfolg "Agnes" eines völlig unbekannten Debütanten (einem Roman von 1998, der dem 1963 im schweizerischen Weinfelden geborenen Autor sofort die Aufmerksamkeit der wichtigsten Kritiker eintrug) und dem Erzählungsband "Blitzeis" von 1999 schreibt Stamm vom frühen Ende einer Lebenshoffnung und vom Scheitern eines Lebensplans - die Spannung zwischen der alpenländischen Schweiz und dem nordischen Norwegen setzt die charakteristische Schreibhaltung Stamms in neuer Weise fort. Es gelingt dem Autor eindringlich, die Fremdheit zwischen den Menschen und ihrer Landschaft zu schildern.

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