Welt : Vorgelesen: Hellmuth Karasek über Sven Regeners "Herr Lehmann"

Das Erste, was einem zu dem Roman Herr Lehmann von Sven Regener (Verlag Eichborn Berlin) einfallen könnte, ist das Wort "authentisch". Regener, ungefähr zur gleichen Zeit wie sein Held Frank Lehmann geboren, der exakt zum Mauerfall Dreißig wird und aus der gleichen Stadt wie "Herr Lehmann" stammt, nämlich aus Bremen, vertritt die Aussteiger-Generation, die sich in Kreuzberg festgesetzt hat, in einem Alternativ-Biotop aus Kneipengängern, die für ihren Lebensunterhalt kellnern oder Bier zapfen, Künstler und vor allem Lebenskünstler sein wollen, ohne Ehrgeiz und Pläne, ohne dauerhafte Bindungen in den Tag hinein leben.

Nun droht das dreißigste Lebensjahr, und Frank Lehmann hat unbewusst den Slogan der 68er im Kopf: "Trau keinem über Dreißig." Deshalb wird er auch von seinen Freunden mit liebevoller Bosheit auf einmal "Herr Lehmann" genannt. Und plötzlich stürzt der Stillstand, in dem er lebt, über ihm zusammen. Die Eltern wollen ihn in Berlin besuchen, und er hat nix vorzuweisen, weder eine anständige Wohnung, noch einen Beruf, noch eine vorzeigbare Beziehung. Seine eben gewonnene Freundin betrügt und verlässt ihn; sein Chef beutet ihn unter dem Deckmantel der Kumpanei aus und sein bester Freund dreht, aus Suff und künstlerischer Verzweiflung, durch: Da hilft ihm auch der Mauerfall, der ihm so was von am Arsch vorbeigeht, nicht weiter.

Mit hinreißend komischen Dialogen, die den authentischen Jargon der Kreuzberger Kneipen festhalten, einem Alltag, der einem mit seinem Suff das Herz zerreißt, hat der ehemalige Pop-Sänger Regener in seinem ersten Roman nicht weniger geschaffen als einen Kreuzberger Oblomov in einem unverwechselbaren Milieu.

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