Welt : Vorgelesen: Hellmuth Karasek über Walter Serners "Die Tigerin"

Von dem Helden Fec heißt es gleich im ersten Satz: "Kein Mensch wusste, wovon er eigentlich lebte." Von der Heldin, die dem Roman den Titel "Die Tigerin" gibt, wird gesagt, dass sie diesen Beinamen rechtfertigt: "Sie war ausschweifend, grausam, hinterlistig, ja oft niederträchtig und von einem untrennbaren Hang zum Vagabundieren besessen." Die beiden sehen sich, verfallen einander: "Bichette hatte ihren Meister gefunden, Bichette, die Tigerin, war - gezähmt." So beginnt die große stürmische Leidenschaft zwischen zwei Menschen der Halbwelt und Unterwelt im Paris der zwanziger Jahre. Der 1921 geschriebene Roman "Die Tigerin" von Walter Serner, dem "Maupaussant der Kriminalistik" (Theodor Lessing), ist wilde Kolportage im Stil des Expressionismus und des Dada, mit Sprach- und Wortschöpfungen, die französisches Argot und deutschen Rotwelsch-Slang für die hitzig-höhnischen Dialoge vermengen, um einen neuen Ausdruck zu kreieren. Am Ende, Fec wird aus Eifersucht erschossen, geht Bichette aus dem Krankenhaus, in dem er starb und überlegt: "Ob ich ihn geliebt habe? Ob er mich geliebt hat? Oh Gott, wenn ich es nur wüsste! Ich glaube, ich werde noch wahnsinnig." Der Autor kommentiert das lakonisch: "Sie wurde es nicht, sondern berühmt." Serner, 1889 in Karlsbad geboren, wurde 1942 von den Nazis in Russland ermordet. 1914 war er in die Schweiz emigriert, wo er mit seinem "Manifest Dada 1918" die Theorie dieser wilden Bewegung begründete. Er lebte als der "Vagabund", als den er seinen Helden Fec schildert.

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