Welt : Vorgelesen: Hellmuth Karasek über Wilhelm Genazinos neuen Roman

Der Held von Wilhelm Genazinos neuem Roman mit dem seltsam leichtlebigen und gleichzeitig schwermütigen Titel Ein Regenschirm für diesen Tag ist ein Flaneur, der gerne durch die Straßen streunt, ein Tagedieb und Taugenichts, ein Melancholiker des Lebens und Beobachter der kleinen Dinge, ein Mann, der Frauen trifft, die ihn mit seiner Vergangenheit konfrontieren und mit seinen und ihren Erinnerungen behelligen.

Da trifft es sich gut, dass er Luxusschuhe einläuft und testet, aber aus seinem Flaneurtum eine, wenn auch schwache, Existenzberechtigung ableiten kann. Weniger gut trifft es sich, dass vom Honorar fürs Schuh-Probieren nicht leben kann - noch dazu, wenn die Firma das ohnehin karge Honorar noch einmal drastisch herabsetzt. Wie soll man da leben und auch noch produktiv unproduktiv am Sinn des Lebens zweifeln? Noch dazu, wenn einen die Lebensgefährtin, eine aus Verzweiflung frühpensionierte Lehrerin, die einen bisher ernährte und liebte, weggelaufen ist?

Glücklicherweise läuft dem Stadtläufer eine alte Bekannte neu über den Weg, die einmal Schauspielerin werden wollte und sich als Sekretärin gestrandet vorkommt. Und so wird, nach einer nach säuerlichem Brot riechenden Liebesnacht, für den Helden alles seinen gewohnten Gang weitergehen: Er wird als Überlebenskünstler die ihm zuträgliche Leichtigkeit des Seins reflektieren, ein alternder, bescheidener Bonvivant - und der Leser wird seine ungetrübte Freude daran haben.

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